martes, 7 de junio de 2011

Auf den zweiten Blick

GANZ SO EXTREM, wie die Bilder sind, die in Deutschland von Cuba kursieren, ist die Realität nicht: Cuba ist wegen des politischen Systems weder die Hölle noch das Paradies auf Erden. Es gibt, wie andernorts auch, Probleme. Es gibt offenbar mehr Armut, als ich auf den ersten Blick wahrnehmen konnte. Es gibt sehr viele im Staatsapparat angestellte Menschen auf den Straßen, um für »Sicherheit« zu sorgen.

 

Aber die Bevölkerung sucht sich ihre Wege: Alle leben mit und vom Schwarzmarkt – und nach allem, was ich bisher gehört habe, wird dieser vom Staat geduldet: Ein paar Prozente der Einnahmen der Händler bekommt er immerhin auch ab. Und solange die Menschen irgendwie an die Dinge kommen, die sie benötigen, ist sicherlich das Risiko eines Volksaufstands geringer. Es scheint, als sei das Leben hier oftmals ein Spiel: Die Regeln macht die Regierung, das Volk versucht die Regeln soweit wie möglich auszuwaschen und somit besser über die Runden zu kommen.

 

Bei einem Spaziergang durch Centro Habana und Habana Vieja haben Nora und ich uns einiges über das Leben hier anhören können. Dabei ging es um die Situation nach Fidel: Raúl habe dem Volk innerhalb der letzten Jahre ein paar Freiheiten zugestanden – und es gäbe Gerüchte, dass er sogar darüber nachdenke, US-amerikanischen Unternehmen Cubas Tore zu öffnen.

 

Damit würde sich die Situation im Lande vermutlich stark verändern: Bis zum Zusammenbruch der Sovietunion habe man auf Cuba ganz gut leben können, die Gehälter seien angemessen gewesen und man habe eine faire Chance bekommen, ein Leben zu führen, das mehr war als nur ein Überleben. Danach sei es dann rasant bergab gegangen mit der Wirtschaft und dem Lebensstandart. Der Absturz sei in den letzten Jahren jedoch wieder gebremst worden durch ausländische Investitionen und den Tourismus: Das kann man auch an kürzlich renovierten und restaurierten Gebäuden und plazas sehen und an den zahlreichen neuen Hotels. Es gehe langsam bergauf – und wenn nun auch noch die Nordamerikaner kommen, sei das womöglich die Rettung für die Wirtschaft auf der Insel.

 

Dass ein Tourismusboom allerdings alle Probleme beseitigen kann, wage ich zu bezweifeln. Schon jetzt sorgt der Tourismus für Probleme: Ärztinnen und Ärzte, Lehrerinnen und Lehrer – also die, die für Cubas renommiertes Gesundheits- und Bildungssystem stehen – wandern in großem Umfang aus den Krankenhäusern und Schulen ab, um in Restaurants und Hotels oder anderen Tourismuseinrichtungen zu arbeiten, weil sie dort besser verdienen: Ein Krankenhausarzt verdient im Monat sechshundertfünfzig pesos cubanos, was einem Gehalt von fünfundzwanzig Dollar entspricht. Wer in einem Restaurant arbeitet, kann so viel an einem Tag mit Trinkgeld verdienen.

 

Die Lage bezüglich der Gesundheitsversorgung und der Bildung werde dem Ruf, den diese beiden Sektoren über die kubanischen Grenzen hinaus genießt, nicht mehr gerecht: Wegen des Lehrermangels seien viele Lehrerinnen und Lehrer nicht älter als achtzehn oder neunzehn Jahre; Jugendliche, die gerade erst selbst aus der Schule gekommen sind. Dass es ihnen an Erfahrung und Kenntnissen mangelt, ist vorstellbar. Und die Motivation der Ärztinnen und Ärzte, sich um fünfzig Patientinnen und Patienten an einem Vormittag zu kümmern, sei nicht besonders hoch: Bei diesem Aufwand erwarte man schließlich mehr als fünfundzwanzig Dollar.

 

Erstaunlich finde ich, wie deutlich manche Menschen Kritik an der politischen Führung äußern – das findet zwar nicht auf der Straße statt, aber wenn man mit Menschen in deren Wohnzimmern zusammensitzt und sicht mit ihnen unterhält, werden sie manchmal sehr klar bezüglich der Kritik am presidente.

 

Ganz so extrem, absolut böse oder absolut gut, ist es hier, ist das System nicht. Es gibt Probleme, die unübersehbar sind und vermutlich gibt es einige Probleme unter der Oberfläche, die ich noch nicht erkannt habe und/oder nicht entdecken kann während des kurzen Aufenthaltes. Und es gibt viele Dinge, die mir sehr gut gefallen und die mich beeindrucken. In gewissen Hinsichten habe ich den Eindruck, dass es zumindest den Menschen in Havanna oftmals besser geht als denen in Íntag. Dass das System hier besser für die Menschen ist, als dies in Nicaragua und Ecuador der Fall ist.

domingo, 5 de junio de 2011

Zwei Währungen und eine Reihe von Problemen

GANZ OHNE GELD lässt sich wohl heute an keinem Ort der Erde, der irgendwann einmal mit der westlichen Zivilisation und Kultur in Kontakt gekommen ist, leben. Irgendeine Währung, und wenn sie auch noch so schwach ist, spielt immer eine Rolle im Alltag. Wenn die Menschen zu wenig davon haben, wird das Geld, oder seine Abwesenheit, zum Problem. Und wenn die Menschen zuviel davon haben, kann das Geld genauso zum Problem, zur Sucht werden.

 

Die Situation mit dem Geld ist auf Cuba eine besondere. Und so ganz bin ich noch nicht aufgeklärt, was das Thema auf dieser Karibikinsel betrifft. Dabei gibt es hier offenbar mehrere Probleme finanzieller/monetärer Herkunft.

 

Es gibt auf Cuba zwei Währungen. Da ist zum Einen der Peso Cubano, auch moneda nacional (»nationale Währung) oder CUP gennant, und zum Anderen der Peso Cubano Convertible, kurz: CUC oder umgangssprachlich »chavito«.

 

Der CUC wurde vor ein paar Jahren eingeführt, um den US-Dollar von der Insel zu verdrängen. Die beiden Währungen sind exakt gleich viel wert, doch das hilft dem Besitzer der US-amerikanischen Währung nicht weiter: Wer sie tauscht, muss Strafgebühren bezahlen, die den Dollar auf der Insel quasi wertlos machen. Den Euro kann man hingegen problemlos eintauschen zum offiziellen Wechselkurs. Das bedeutet derzeit rund einen Peso Cubano Convertible und vierzig Centavos für einen Euro. Festgeschrieben ist der Wert der moneda nacional im Vergleich zum CUC: Für einen »chavito« erhält man vierundzwanzig Pesos. (Also für einen Euro zur Zeit etwas mehr als dreiunddreißig Pesos.)

 

Wer es sich einfach macht, sagt, dass der CUC die Währung für Touristen sei, der Peso das Geld der Kubanerinnen und Kubaner. Doch so ganz stimmt das nicht: Zwar wird allen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern auf der Insel ihr Gehalt in moneda nacional ausgezahlt – doch sie können längst nicht alles mit dieser Währung kaufen. Umgekehrt können Touristinnen und Touristen sehr wohl CUC gegen Pesos eintauschen und dann in entsprechenden Läden auch mit dieser billigen Währung einkaufen.

 

Die Löhne auf der Insel sind von eher symbolischem Wert. Ein Taxifahrer verdient zum Beispiel etwa rund zweihundert Pesos im Monat – der Fahrpreis vom Flughafen in die Stadt ist mit fünfundzwanzig CUC festgeschrieben, was also drei Monatsgehältern entspricht: Die gehen allerdings an den Staat. Viele taxistas verlangen daher ein paar CUC mehr, um auch in die eigene Tasche zu wirtschaften. Oder hoffen auf ein Trinkgeld, um nicht Gefahr zu laufen, wegen des erhöhten Fahrpreises ihren Job zu verlieren.

 

Weil der kubanische Staat ernsthafte finanzielle Probleme hat, ist es inzwischen nicht mehr möglich, dass er alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf der Insel – die ja immer Staatsangestellte sind – zu bezahlen. Das hat zu zwei mir bekannten Reformen geführt: Einerseits wurden gesetzliche Schranken beseitigt, die private Geschäfte verboten. Es ist inzwischen erlaubt, bestimmte Arten von Handel zu betreiben, und das ganz ausdrücklich und legal privat. So sind in der jüngsten Vergangenheit unzählige »cafeterías« aus dem Boden geschossen, in denen auch kleine Imbisse verkauft werden. Andererseits hat der Staat bei der Bezahlung seiner Angestellten umdisponiert. Viele Stellen werden nicht mehr vier- oder fünffach besetzt (und bezahlt), sondern nur noch doppelt. Wobei eine Person den Lohn erhält und die andere in Form von Waren bezahlt wird: Die darf sich dann Reis und Bohnen und Rum in Höhe eines bestimmten Wertes liefern lassen. (Und natürlich alle anderen Artikel, die in den staatlichen Märkten zu finden sind.)

 

Die niedrigen Löhne auf Cuba reichen natürlich nicht dazu aus, ein Leben im Überfluss zu führen. Aber ein bisschen Wohlstand, ein wenig Luxus schadet auch dem normalen Kubaner oder der Durchschnittkubanerin nicht. Und so scheint es logisch zu sein, dass sehr viele Leute sehr erpicht darauf sind, irgendwie ein paar CUC zu verdienen – die sind was wert, damit kann man sich etwas leisten.

 

Dieses Konzept scheint für einige Menschen auf Cuba aufzugehen: Man sieht ab und zu auch neue oder zumindest halbwegs zeitgemäße Autos in den Straßen, Armbanduhren nordamerikanischer (oder eher japanischer?) Herkunft, Mobiltelefone und MP3-Player. Wobei es durchaus möglich ist, dass viele dieser Artikel durch Geldsendungen aus Miami oder Spanien finanziert werden.

 

Was bei dieser »Gleichberechtigung« in puncto Armut auffällt, ist, dass extreme Armut kaum zu sehen ist – oder zumindest nicht so auffällt. Weil quasi alle Menschen in vom Einsturz bedrohten Kolonialbauten leben, zum Beispiel. (Jedenfalls in den Straßen Havannas, die ich bisher gesehen habe.) Weil scheinbar niemand in Lumpen und ungewaschen herumläuft, aber auch nicht in Designerklamotten. (Bisher weiß ich jedoch nicht, wie das Leben auf dem Land aussieht, und wie beispielsweise wichtige Politkerinnen und Politker leben. Möglicherweise gesellen sich im Laufe der Zeit ein paar Beobachtungen, die für extreme Armut und Ungleichheit sprechen, zu meinen ersten Eindrücken.)

 

Doch trotz der necesidades, Bedürfnisse, von denen die Menschen hier gerne sprechen, um nicht »Armut« sagen zu müssen – wäre das regimekritisch? – wird immer wieder betont und kann ich immer wieder erleben, wie herzlich und [scheinbar] unbeschwert viele hier durchs Leben gehen. Jugendliche treffen sich auf der Straße und spielen Volleyball oder Fußball. Teenager flirten exzessiv und vergessen offensichtlich alles, was um sie herum geschieht. Männer spielen Domino oder Schach oder trinken einen Rum. Und alle scheinen Zigarren zu rauchen. Als Weißer werde ich unzählige Male angesprochen – oft geht es um Zigarren, die ich bitte kaufen möge oder einen Rum, den ich doch bitte bezahlen solle. Regelmäßig werde entweder von Mädchen gefragt, ob ich denn auf der Suche nach einer Freundin sei oder bekomme von Männern das Angebot, eine oder mehrere weibliche Bekannte kennenzulernen: Dabei handelt es sich immer um Frauen, die – selbstverständlich! –kein Geld für Sex haben wollten und äußerst intelligent und gebildet seien. Aber meistens wollen die Leute wissen, woher ich komme, was ich hier mache und wie mir Cuba und Havanna gefielen. Nicht selten entwickeln sich daraus interessante Gespräche – ein großer Unterschied zum Leben mit oftmals viel verschlosseneren Ecuadorianerinnen und Ecuadorianern, und eine angenehme Abwechslung!

jueves, 2 de junio de 2011

Abschied

DER ERSTE ABSCHNITT der Reise nach Cuba ist problemlos verlaufen: Es gab keine Zwischenfälle auf der Busfahrt von Puerto López nach Quito. Und auch der Taxifahrer, der mich vom Bus zum Flughafen gebracht hat, hat keine Probleme gemacht. Lediglich die Wechselstube am Flughafen hat mir einen keinen Schreck eingejagt: Sie war geschlossen. Dabei wollte ich es um jeden Preis vermeiden, mit Dollars nach Cuba zu fliegen, da man dort Strafgebühren zahlen muss, wenn man diese in die kubanische Währung umtauschen möchte. Aus irgendeinem Grund wurde die Wechselstube geöffnet, entgegen der Auskunft an der Flughafeninformation, und ich konnte doch noch ein paar Euros bekommen für die nächsten drei Wochen.

Jetzt habe ich noch eine Weile, bis ich einchecken kann – besser zu früh als zu spät: In zwanzig Minuten geht ein Direktflug nach Havanna, und vor wenigen Sekunden kam hier eni nervöser junger Mann vorbei, der hoffnungslos verspätet und jetzt auf die Behörden angewiesen ist. Wobei die aus irgendeinem Grund nicht aufzufinden sind und sich das ganze in einen Wettlauf gegen die Zeit entwickelt hat. Drücken wir dem Mann die Daumen, dass er trotz schlechten Zeitmanagements doch noch seinen Flieger erwischt...

Deshalb mache ich mir keine Sorgen. Was mich eher nervös macht, ist die Sprache: Trotz der fast zwei Jahre, die ich bisher insgesamt auf lateinamerikanischem Boden verbracht habe, habe ich große Schwierigkeiten mit dem kubanischen Dialekt: Der hört sich oftmals gar nicht nach Spanisch an, und dementsprechend schwierig fällt es mir, ihn zu verstehen. Allerdings bin ich guter Dinge, dass ich mich während der kommenden drei Wochen hineinhören werde in den Dialekt und dass ich am Ende auch mit den Kubanerinnen und Kubanern einwandfrei kommunizieren können werde.

Mit jeder Minute, die vergeht, komme ich dem Abschied von Ecuador näher. Und ich freue mich wirklich darauf, das Land bald zu verlassen. Nicht, dass es mir nicht gefallen hätte, trotz der Probleme hinsichtlich der Arbeit und der nervigen, weil ungewohnten Kleinigkeiten im Alltag: Ich habe neuneinhalb interessante, schöne und wertvolle Monate hinter mir. Aber es reicht jetzt einfach, ich freue mich auf den Tapetenwechsel, auf ein neues Abenteuer, auf eine weitere Reise: Nach Cuba möchte ich schon seit Jahren reisen!

Wenn ich später in den Flieger steige, werde ich mich auf die kommenden Tage und Wochen freuen. Das heißt aber keineswegs, dass ich Ecuador vergessen und ein für alle Mal hinter mir lassen möchte: Sicherlich komme ich irgendwann wieder her. Für ein paar Wochen, im Urlaub. Um zu sehen, was in Pucará los ist, wie es meinen ehemaligen Gastfamilien, Kolleginnen und Kollegen geht. Schließlich sind neun Monate eine lange Zeit, und die kann und will ich nicht aus der Erinnerung löschen! Trotz der Vorfreude auf Cuba werde ich mich bestimmt ein keines bisschen wehmütig fühlen: Ich hatte hier eine schöne Zeit und hoffe, dass andere auch von meinem Aufenthalt profitieren konnten – abgesehen von meinen lieben Mitbewohnerinnen und Freunden in Berlin, die jetzt ja eine Weile lang ihre Ruhe haben konnten...

Also: Bis zum nächsten Mal! Vielleicht aus Cuba, vielleicht aus Mittelamerika! Der nächste Eintrag kommt bestimmt!

martes, 31 de mayo de 2011

Chao, Ecuador!

WER HÄTTE GEDACHT, dass ich in Puerto López auf Wi[n]ston Churchill treffen würde? Der unauffällige Mann besitzt einen kleinen Kiosk mit einer interessanten Aufschrift an der Strandpromenade, auf dem auf französisch geschrieben steht, dass sein Besitzer gerne nackt durch den Wald renne. Inwiefern Wiston das in seinem Geschäft hilft, weiß ich nicht: Nachdem der Herr vor Jahren angeblich zusammen mit Jürgen Klinsmann und Lothar Matthäus Fußball gespielt hat, hat er begonnen, in Puerto López Bootsfahrten zur Isla de la Plata und aufs offene Meer anzubieten und lebt seitdem vom Tourismus.

Vom Tourismus lebt auch Gabriel. Der achtzehnjährige Vater einer drei Wochen alten Tochter lebt in Ayampe und arbeitet dort in einer neuen Bar am Strand. Von acht Uhr morgens bis (mindestens) acht Uhr abends ist er dort zuständig für alles: Getränkeausschank, Kochen, Putzen... Und das sieben Tage die Woche. Zeit für das Töchterchen hat er nicht viel, dafür aber ein festes Einkommen. Dreihundert Dollar pro Monat wirken wie ein schlechter Scherz bei diesen Arbeitszeiten, dabei liegen sie über dem gesetzlich festgeschriebenen Mindestlohn von rund zweihundertsechzig Dollar. Und die Arbeit ist durchaus machbar, wenn man sich vor Augen hält, wie wenig Kundschaft Gabriel zu bedienen hat.

Sollte Aldo, Gabriels Chef und Besitzer diverser Hostels und Bars, beschließen, die Strandbar in Ayampe wegen ausbleibender Kundschaft wieder zu schließen, wäre das auch für Gabriel kein Weltuntergang: Er könnte dann als Surflehrer bei Vanessa und Ryan arbeiten. Die beiden leben seit zwei Jahren in ihrem Haus in Ayampe. Dort betreiben sie eine Yoga-, Surf- und Spanischschule und arbeiten mit lokalen Lehrerinnen und Lehrern zusammen. Die beiden Kanadier kamen vor drei Jahren nach Ecuador und kauften zunächst ein Grundstück in Canoa, wo sie sich nach einer Weile jedoch unwohl fühlten – all die Touristen und die dadurch ständig stattfindenden Parties waren ihnen nicht entspannt genug.

Ob Ayampe auf lange Sicht ein ruhiges Dörfchen am Strand bleibt, darf bezweifelt werden: Zu viele Menschen hier leben vom Tourismus. Sandra und Galván, zum Beispiel. Die beiden kommen ursprünglich aus Cali, Kolumbien, und leben seit ein paar Jahren in Ayampe. Hier hüten die beiden ein Anwesen, auf dem neben dem Haupthaus mit zu vermietenden Zimmern ein paar Bungalows zu finden sind. Die Besitzer, ein schweizerisch-ecuadorianisches Pärchen, leben in der Schweiz, wo der Sohnemann vom guten europäischen Bildungssystem profitieren sollen. Sandra und Galván erziehen derweil ihren Sohn, den achtjährigen Kevin, vor allem mit Pay-TV und Internet: Sandra hat Angst, ihren Schützling mit den anderen Kindern aus dem Dorf spielen zu lassen, und Galván ist oft außer Haus. Böse Zungen behaupten, dass er seine Freizeit vor allem damit beschäftigt sei, in Montañita zu koksen und zu feiern.

Ein ruhigeres Leben hat da sicherlich Don Carlos: Der vierundsiebzigjährige Ecuadorianer mit arabischen Wurzeln lebt in Puerto López von seiner Wäscherei. Allerdings begnügt er sich nicht mit der Arbeit: In seiner Freizeit nimmt er Englischunterricht, da er der Überzeugung ist, dass der Geist herausgefordert werden muss, wenn man auch im Alter fit bleiben möchte.

Ans Alter denkt die junge Französin, die einen Souvenirladen in Puerto López hat, sicherlich noch nicht. Sie lebt seit Jahren in Ecuador, hat jedoch viel Zeit in der sierra, im Hochland, verbracht. Dort hat sie ihren ecuadorianischen Ehemann kennengelernt, mit dem sie inzwischen an der Küste lebt: Als Bretonin möchte sie frische Meeresfrüchte nicht missen und beschloss daher, an den Pazifik zu ziehen. In ihrem Lädchen an verkauft sie neben »Save the Whales«-T-Shirts vor allem Kunsthandwerk und Bioschokolade und wartet auf den Tag, an dem die lateinamerikanischen Staaten auf einer politischen Ebene mit der Europäischen Union und Nordamerika stehen.

Dieser Wunsch existiert sicherlich nicht nur in Ecuador. Auch in Kuba, kann ich mir vorstellen, sehnt man sich nach besseren Zeiten. Bisher kann ich nur raten, wie man auf der größten Karibikinsel wohl denkt vom Rest der Welt. Doch schon sehr bald werde ich genauer Bescheid wissen über das Inselleben: Am Mittwoch trete ich die Nachtfahrt nach Quito an, wo ich am Donnerstagmittag Richtung Kuba aufbrechen werde. Dort werde ich bis zum zweiundzwanzigsten Juni verweilen und prinzipiell die Hauptstadt, Havanna – oder La Habana – kennenlernen. Ich weiß nicht, ob ich von der Insel aus bloggen kann, da ich mich über Internetsperren nicht schlaugemacht habe. Spätestens nach Kuba, Ende Juni in Nicaragua, werde ich aber wieder schreiben können: Bis dahin – hasta pronto!

martes, 17 de mayo de 2011

Tschüss, Imbabura!

DIE LETZTEN TAGE hatte ich Zeit, Abschied zu nehmen. Von Apuela, von Pucará, von Íntag. Das war komisch, aber nicht schlimm: es liegt ja im Moment sehr viel vor mir, auf das ich mich schon seit Langem freue!

Gestern kam ich also nach Otavalo, ließ Íntag für unbestimmte Zeit zurück. Heute früh stieg ich mit Peter auf den Fuya Fuya. Das war ein einfacher Spaziergang, aber auf 4286 Meter über Normal Null merkt man die Anstiege doch ganz gut!

Wir hatten großes Glück mit dem Wetter – Peter sagt, dass es solche Tage vielleicht zehnmal im Jahr gibt: Wir konnten die Berge von El Chile an der kolumbianischen Grenze bis zum Chimborazo in Zentralecuador sehen, es war grandios! (Mehr in den Fotos.)

Nachher mache ich mich nach Quito auf und von dort an den Strand. Bei Neuigkeiten oder anderen berichtensweren Dingen schreibe ich natürlich weiter. Noch dauert es ja noch eine Weile, bis ich wieder deutschen Boden betrete – und bis es soweit ist, blogge ich!

viernes, 13 de mayo de 2011

Letzte Gastfamilie, letzte Tage

MEINE LETZTE GASTFAMILIE habe ich noch gar nicht vorgestellt: Seit drei Wochen lebe bei Esperanza und ihren Kindern Jonathan (15), Shisela (10), Fernanda (5) und Andrés (3). Bereits seit Oktober war klar, dass ich irgendwann in dieser Familie unterkommen würde – seinerzeit war ich bei Doña Teresa, Esperanzas Mutter, untergebracht und hatte täglich mit den drei kleineren Kindern zu tun. Weil die nicht nur sehr nett und lustig sind, sondern auch an der zweimal wöchentlich stattfindenden Kindergruppe teilnehmen, kündigte ich schon damals an, gegen Ende meines Aufenthaltes dort unterzukommen.

Und jetzt ist es also soweit! Ich wohne erneut im Dorfkern Pucarás und kann ganz entspannt und dennoch mitten im Geschehen meine Zeit in Pucará ausklingen lassen. Die ist so gut wie abgelaufen: Am Montag werde ich Íntag verlassen, ohne zu wussen, wann ich zum nächsten Mal hier aufkreuzen werde. Den Mono, den »einzigen offiziellen Alkoholiker Pucarás«, werde ich sicherlich nicht vermissen. Aber abgesehen von ihm finde ich es schon schade, die pucareñas und pucareños zurückzulassen. Vor allem ein paar von den Kindern werden mir schon fehlen – und ich habe das Gefühl, dass sie mich auch ein wenig in ihre Herzen geschlossen haben!

Irgendwann komme ich wieder – da bin ich mir sicher. Dann aber zum Urlaub – und ein bisschen Zeit lasse ich mir noch, bevor ich erneut nach Ecuador komme! Immerhin weiß ich noch, dass ich mich in den letzten neun Monaten nicht pausenlos wohlgefühlt habe, dass ich nicht immer glücklich und zufrieden war! Da sind die Gedanken darüber, wann ich wohl wieder hier herkomme, ein wenig schnell aufgetaucht: Sobald das Ende meines Freiwilligendienstes, meine Abreise abzusehen waren!

Vor mir liegen jetzt noch ein paar vermutlich ereignisreiche Wochen. Zunächst werde an die Küste fahren, wo ich Polly treffe und alte Bekannte aus Eppstein. Anfang Juni fliege ich in die Karibik und nehme Kuba – zumindest Havanna – in Augenschein, um anschließend nach Nicaragua zu reisen. Dort war ich während meines Anderen Dienstes im Ausland auch nicht immer glücklich – und freue mich nun umso sehr, dorthin zurückzukehren!

miércoles, 11 de mayo de 2011

Medizin – oder Hokus Pokus?

SEIT FÜNF MONATEN bin ich gesund – nachdem ich mich bis Anfang des Jahres ziemlich häufig über meinen Gesundheitszustand beklagt habe. Woran das genau liegt, weiß ich nicht. Ich vermute einen gewissen Gewöhnungsprozess hinter der »Heilung«. Bestimmte Parasiten können meinem Verdauungstrakt einfach nicht mehr so viel anhaben, wie zu Beginn meines Aufenthaltes in Ecuador.

Über die Tatsache, dass ich seit einiger Zeit keinen Grund mehr bekommen habe, mich über meine Gesundheit zu beschweren, bin ich glücklich. Denn besonders amüsant war es nicht, hier krank zu werden: Obwohl ich nie etwas Ernsthaftes bekommen habe hier – oder ist eine Darmentzündung etwas Ernstes? –, konnte ich mich im Krankheitsfall nie so richtig entspannen. Das lag zum Einen daran, dass im Grunde in jeder Mahlzeit neue Herausforderungen für meinen Verdauungstrakt gewartet haben, zum Anderen war es sehr anstrengend, pausenlos den Interpretationen der diversen Gastfamilien zuhören zu müssen.

Mal war in angeblich krank, weil ich abends noch eine Avocado gegessen hatte. Mal hatte ich mir mal aire (wörtlich übersetzt heißt das »schlechte Luft« und bedeutet etwa böse Geister) eingefangen. Die gängigste Heilungsmethode: Die Säuberung mit rohen Eiern. Dabei werden rohe Eier am Körper gerieben – und nehmen dabei dem Vernehmen nach die bösen Geister, die schlechten Energien auf. Tatsächlich hörten sich die Eier im Nachhinein oft anders an als im Voraus, klangen, als ob sie mit Wasser gefüllt gewesen wären: Angeblich waren sie wegen der bösen Geister verschimmelt... Geholfen hat mir Eiertherapie allerdings nie – obwohl ich mich zumindest am Anfang bereitwillig auf die ungewohnte Behandlung eingelassen hatte und den traditionellen Heilmitteln vertraute.

In Ecuador ist der Glaube an mal aire sehr verbreitet, und Eier werden häufig zur Heilung eingesetzt. Was mich allerdings beim Anblick der ländlichen Krankenhäuser auch nicht verwundert: Regionalen Krankenhäusern sind Centros de Salud (Gesundheitszentren) und Sub Centros de Salud untergeordnet. In Apuela gibt es ein Sub Centro, in dem per Definition kaum Behandlungen durchgeführt werden dürfen: Operationen und diverse Tests (Blut-, Urin- und Stuhlproben zum Beispiel) können in einem Sub Centro nicht vorgenommen werden.

Auch Röntgenaufnahmen oder Ultraschall können in Apuela nicht durchgeführt werden. Was dazu führt, dass sich die Kompetenzen der Ärzte im Sub Centro im Grunde auf das Verschreiben von Tabletten beschränken. Wobei diese Tabletten nicht immer die richtigen sind – ohne weitere Untersuchungen kann oftmals nicht genau festgestellt werden, an was die Patientin oder der Patient überhaupt leidet.

Anstatt also Stunden im Wartezimmer zu verbringen auf die Gefahr hin, am Ende nicht ausreichend untersucht zu werden, greifen viele Menschen sofort auf uralte Traditionen zurück und versuchen, sich mit rohen Eiern zu heilen. Und ich wähne mich glücklich, dass es mir seit einiger Zeit gut geht und ich daher auf keine der beiden in meinen Augen fragwürdigen Heilmethoden mehr angewiesen bin!