miércoles, 20 de octubre de 2010

Besuch aus Gringolandia

WÄHREND DIE MÄUSE mein Zimmer auseinandernehmen und das Zeitungspapier, das verhindern soll, dass Wind und Feuchtigkeit durch die Ritzen zwischen den Brettern, die die Wände bilden, eindringen, auffressen, warte ich darauf, dass sich mein Husten verflüchtigt – wobei ich mich auch nicht so schone, wie ich das vielleicht tun sollte: Am Wochenende habe ich Íntag wieder einmal den Rücken zugekehrt, um das bescheidene Nachtleben Otavalos zu genießen, und seit Sonntag ist eine Gruppe von gringos hier, die ich nach Möglichkeit begleite.

Es handelt sich um eine dreizehnköpfige Gruppe der Organisation »Carpe Diem«. »Carpe Diem« bietet Reisen in Länder wie Nicaragua, Ecuador, Tansania, Thailand etc. an – die Gruppe, die jetzt in Pucará ist, wird Ecuador am Freitag nach sechs Wochen verlassen, um weitere sechs Wochen in Peru zu verweilen. Das Programm bewegt sich, soweit ich das bisher in Erfahrung bringen konnte, zwischen Sprachschule, Sightseeing und Feldarbeit. Es geht, so ließ man mich wissen, darum, einmalige und unbezahlbare Erfahrungen zu sammeln. Wobei der Kostenpunkt ziemlich deutlich und nah dran an unbezahlbar ist: Stolze achttausend Dollar bezahlen die jungen Leute für drei Monate Ferienprogramm. (Wobei man meine Frage, ob das eine Beschäftigung für die Ferien sei, ganz klar verneint hat: Es handele sich nicht um Ferien, sondern um Erfahrungen!) Vermutlich kosten die neun Monate, die ich in Pucará bin, weniger – obwohl der Flug von den Staaten nach Ecuador und Peru deutlich günstiger ausfallen dürfte...

Zurück zu den gringos: Am Montag fuhren wir, gemeinsam mit einigen pucareños, in den Gemeindewald. Der liegt ein paar Kilometer nordöstlich des Dorfes und ist dessen Lebensversicherung – von dort kommt das Wasser, das in Pucará aus der Leitung kommt. Um die Wasserversorgung sicherzustellen, ist es dringend notwendig, dass der Bereich des Gemeindewaldes nicht dem Kahlschlag zum Opfer fällt: Ohne Bäume, die das Wasser im Erdreich binden, kein Wasser! Unsere Aufgabe war dementsprechend die Wiederaufforstung. Ob das Sinn machen würde, fragten sich nicht wenige beim Anblick des durchaus dicht bewachsenen Hügels – nach Peters Auskunft tut es das: Auch bereits bewaldetem Gelände könnten ein paar Bäume mehr nicht schaden, da auch sie Wasser bänden und Wasserversorgungsengpässen (wie kürzlich beschrieben) vorbeugten.

Wir stiegen also, mit Schaufeln und Setzlingen in Plastiktüten bepackt, den Berg hinauf, in immer dichteres Dickicht, um unsere kostbare Last zu vergraben. Insgesamt liefen wir vermutlich mehr als dass wir arbeiteten, und zumindest der Trupp, mit dem ich ging, brachte nicht so viele Bäume ins Erdreich – insgesamt konnten wir aber immerhin rund fünfhundert Setzlinge einpflanzen.

Mit der Wiederaufforstung hatte auch die Aufgabe zu tun, der sich die Gruppe am Dienstag gewidmet hat, dieses Mal ohne mich: Sie folgten dem kleinen Pfad zum Fluss unterhalb Pucarás, um von dort nach Apuela zu laufen. Auf dem Weg sammelten sie kleine Bäumchen am Wegrand ein, um sie nach Pucará zu bringen, wo die Setzlinge in die besagten schwarzen Plastiktüten eingepackt werden, um weiterzuwachsen, bevor sie in nicht allzuferner Zukunft der Wiederaufforstung Íntags dienen werden!

Die Plastiktüten... Der Ecuadorianer an sich scheint ein großer Freund dieser Errungenschaft unserer Wegwerfgesellschaft zu sein. Angeblich verbraucht jede Ecuadorianerin und jeder Ecuadorianer acht Plastiktüten am Tag! Die wenigsten davon kommen vermutlich in der Wiederaufforstung zum Einsatz: Auch wenn ich ein Brötchen kaufe oder eine Banane oder eine Packung Kekse, wird mir in der Regel eine Plastiktüte für den komfortablen Transport angeboten. Essen, das am Straßenrand verkauft wird, erhält man normalerweise in kleinen, gelben Plastiktütchen oder silbernen Plastikschalen. Und all dieses Plastik endet dann am Straßenrand oder auf einem Feld oder in einem Bach. Es schadet ja keinem... Aber so widersprüchlich wie im Gemeindewald hatte ich die Situation bis dato noch nicht wahrgenommen: Einerseits ist man sich irgendwie dessen bewusst, dass uns die Natur nicht endlos versorgt, wenn wir uns nicht um sie kümmern oder sie zumindest schonen – und pflanzt Bäume, um die Wasserversorgung zu sichern. Anderseits hinterlässt man selbst im dichtesten Gestrüpp eine Plastiktüte nach der anderen – und jede einzelne dieser Plastiktüten wird über kurz oder lang ihre kleinen Spuren im Trinkwasser hinterlassen!

Es wird sicherlich noch eine Weile dauern, bis sich in dieser Hinsicht etwas ändert. Zu tief sitzt der Glaube, dass Plastik ausschließlich gut ist: Der Rauch, der entsteht, wenn man Plastikmüll verbrennt, ist sicherlich nicht giftig! Plastik ist so stabil, dass es in der Natur keinen Schaden anrichten kann, weil es sich nicht zersetzt. Die Coca Cola Company hilft aber auch kräftig mit und liefert ihre Getränke am allerliebsten in Einwegplastikflaschen. Auf denen steht dann: »Mit dieser Verpackung machen wir Ecuador noch ein bisschen besser!« Und daneben: »Einwegflasche« Humor haben die Damen und Herren bei dieser kleinen und sympathischen Firma offensichtlich! Und Recht: Wie öde wäre der Nebelwald ohne diese bunten Plastikwimpel, die an den Bäumen und Sträuchern am Straßenrand hängen!?

Wäre das Plastik in meinem Zimmerchen zum Einsatz gekommen, zur Abdichtung der Holzwände – ich wäre so dankbar, weil die Mäuse daran sicherlich nicht so viel Interesse zeigen würden! Stattdessen riecht meine Wäsche ab und zu nach den Plastikdämpfen, wenn ich sie abhänge...

Bis Íntag tot ist, dürften aber noch einige Jahre ins Land ziehen. Noch wimmelt es hier von Kolibris, meinen Lieblingsvögeln: den horeros, die angeblich zu jeder vollen Stunde singen und dabei klingen wie durchdrehende Babies – und von Jaguarundis: Ich habe nachgeschaut, welches Tier mir da vor kurzem über den Weg gelaufen ist. Es war der hier, also kein Wickelbär. Aber danke für die Recherche, Andy!

miércoles, 13 de octubre de 2010

Im Krankheitsfall

JEDES MAL, WENN ich krank bin, schlägt sich das auch auf meine Stimmung nieder. Im Augenblick bin ich wieder am Kränkeln; es ist nichts Schlimmes, vielleicht eine Grippe oder so. Und ich bin genervt: Weil ich weiß, dass ich sicherlich kerngesund wäre, wenn ich hier nur halbwegs ordentlich essen würde – und nicht Reis und Kartoffen tagein, tagaus. Da bleibt mir ja nichts Anderes übrig, als über Kurz oder Lang krank zu werden! Was ich auch weiß: Dass ich über diesen Gedanken nur müde lächeln können werde, wenn ich wieder fit bin. Hätte ich letzten Samstag nicht so lange mit anderen Freiwilligen in der Kälte gesessen und Schnaps getrunken, ginge es mir jetzt vielleicht besser. Aber: Ich war davor schon angeschlagen. (Was das Ganze nicht besser macht.)

Gestern war ich wieder bei Doña Empera zu Gast, um endlich die seit langem versprochenen Kartoffelpuffer zu brutzeln. Ich habe mir vorgenommen, in jeder Familie einmal zu kochen – das klingt zwar wenig, aber das Kochen hier ist gar nicht so einfach: Was nicht an den Zutaten, die hier nicht unbedingt zu bekommen sind, scheitert, muss noch irgendwie in den interessant ausgestatteten Küchen improvisiert werden! Also: Kartoffelpuffer für den Anfang. Doña Empera hat zunächst interessiert zugeschaut und ein paar Äpfel für das Apfelmus geschält, bevor sie zu Mittag gegessen hat. Das irritierte mich erst, doch dann war ich erleichtert: Ein Essen ohne Reis ist (hier) keine echte Mahlzeit; das werde ich nicht aus den Köpfen Pucarás verbannen können. Und nach ihrem ersten Mittagessen hatte Doña Empera sozusagen die Bürde von mir genommen, ihr und Don Manuel ein vollwertiges Mittagessen zuzubereiten. Mein Nachtisch hat die beiden offenbar sehr zufriedengestellt – was Vicente davon hielt, weiß ich nicht, weil der erst später kam.

Aber ganz zufrieden kann ich mit dem Essen nicht sein: Als ich neulich in Otavalo war, habe ich die Äpfel für das Apfelmus eingekauft, weil ich mich nicht auf den Markt von Apuela verlassen wollte. Als ich die Äpfel gestern ausgepackt habe, musste ich mit Entsetzen feststellen, dass sie von der Dole Company waren. Dieses freundliche Unternehmen besitzt in Nicaragua große Bananenplantagen, auf denen lange mit Nemagon gedüngt wurde. An Nemagon erkrankten viele der Arbeiterinnen und Arbeiter, Kinder kamen behindert zur Welt, Männer wurden zeugungsunfähig. Dole wurde von einem US-amerikanischen Anwalt lateinamerikanischen Ursprungs verklagt – und zur Kasse gebeten. Die Freude über den Erfolg währte jedoch nur kurz: Die Obstgiganten schafften es, dem Anwalt erfolgreich die Fälschung von Beweismitteln zu unterstellen. Und inzwischen ist es in den Vereinigten Staaten von Amerika verboten, dass Männer und Frauen, die weder die US-amerikanische Staatsbürgerschaft innehaben noch in den USA leben, Anklage gegen Personen oder Unternehmen aus den USA erheben. So weit der kleine Dole-Exkurs. (Das Apfelmus war trotzdem lecker...)

Was mach an das Kinderbuch »Wo die wilden Kerle wohnen« erinnert, das mit dem schönen Teilsatz »... und es war noch warm.« endet: Das gibt es seit neuestem auch in Apuela (»Donde viven los monstruos«), sodass ich mir dachte, dass es vielleicht auch den Kindern in Pucará gefallen könnte. In Ecuador werden zwar auch Kinderbücher verfasst, illustriert und bedruckt, aber sie weisen eine ganz andere – inhaltliche und gestalterische – Ästhetik auf, erinnern eher an Zeichentrick- und Kinderfernsehsender als an Kinderbücher. Da ist oft alles schrill und grell und knallig und irgendwie laut. Und die Kindern hören nicht zu, wenn man ihnen diese Bücher vorliest. Anders bei den wilden Kerlen: Die haben ihnen offensichtlich gefallen und sie auch, zumindest für die Dauer der Geschichte, beruhigt!

miércoles, 6 de octubre de 2010

WAR DAS SCHÖN, als sich am Sonntagabend ein Moment der Zufriedenheit einstellte: Bisher war ich immer etwas beunruhigt und nicht ganz zufrieden gewesen, weil ich von meinen Aufgaben in Pucará nicht so ganz überzeugt war. Woher genau diese Zufriedenheit nun genau kam, kann ich gar nicht erklären.

Lag es an dem ereignisreichen Wochenende? Ich war am Donnerstag nach Otavalo gefahren, um dort zu entscheiden, dass ich am Freitag nicht nach Quito reisen würde: Wegen einer Kunstausstellung wollte ich mich nicht in die Hauptstadt wagen, die am Tag zuvor von einem versuchten Staatsstreich und Feuergefechten zwischen Polizei und Militär heimgesucht worden war. Infolgedessen blieb ich in Otavalo, wo wir den Geburtstag einer anderen Freiwilligen feierten und einen mindestens genauso langen wie netten Abend verbrachten. Am Samstag fuhr ich nach Pucará zurück, wo die nächste Feier anstand: Peter verabschiedete seinen britischen Freund Stuart, der Ecuador nach achteinhalb Jahren verlassen und mit seiner Freundin nach Spanien ziehen wird – wohin, das wissen die beiden noch nicht. Wozu auch? Als sie vor achteinhalb Jahren als Backpacker nach Ecuador kamen, wussten sie auch weder dass noch wo sie so lange hier leben und arbeiten würden! Die Feier bei Peter war sehr nett, und für mich war es ein fast neues Gefühl, in Pucará zu sein und trotzdem gute und lange und abwechslungsreiche Gespräche zu führen. Am Sonntag fuhren die Bekannten Peters wieder nach Cayambe und Quito zurück – und uns bot sich ein wunderschöner Sonnenuntergang: Es war das erste Mal seit meiner Ankunft in Pucará nicht schon vor dem Sonneuntergang bewölkt, nur unterhalb des Gipfels des Cotacachi waren schon einige Nebelschwaden aufgestiegen. Doch die machten den Anblick noch spektakulärer: Die Hügel und Täler um Pucará waren schon in den Schatten der beginnenden Nacht getaucht, als im Westen der Himmel und im Osten der schneebedeckte Cotacachi über den Nebelschwaden golden leuchteten! (Dass ich meine Kamera ausnahmsweise nicht einstecken hatte, ist nur halb so wild: So schön wie der Sonnenuntergang tatsächlich war, hätte er auf einem Foto nicht aussehen können...) Auf dem Rückweg von Peters Finca, es war inzwischen dunkel, stellte sich das eingangs erwähnte Gefühl ein.

Am Sonntag schlief ich dann erstmals in meiner neuen Gastfamilie: Ich lebe jetzt bei Doña Teresa und ihrem Mann, Don Segundo. Sie ist fünfundsechzig Jahre alt, er siebzig. Die beiden leben vielleicht zweihundert Meter von meiner alten Gastfamilie entfernt: Pucará ist nicht groß. Von ihren fünf Töchtern lebt nur noch eine in Pucará: Esperanza, mit ihren drei Töchtern und zwei Söhnen, aber ohne die dazugehörigen fünf Väter. Die sieben Söhne von Teresa und Segundo leben alle außerhalb. Doch dass ich mit den beiden Herrschaften alleine bin, kommt fast nicht vor: Die meiste Zeit sind Shisela, Fernanda und Andrés im Haus, die drei jüngeren Kinder von Esperanza. Die drei sind auch für mich eine gute Unterhaltung. Shisela ist neun Jahre alt und geht in die fünfte Klasse der Grundschule in Pucará. Sie ist sehr aufgeweckt und quasi rund um die Uhr daran interessiert, dass ich ihr eine Geschichte vorlese. Fernanda, vier Jahre alt, und Andrés, der jüngste, hängen meistens an Shiselas Fersen und trauen sich nicht so recht, mit mir zu sprechen. (Und dass Fernanda von Doña Teresa immer gesagt bekommt, was sie mir antworten oder erzählen soll, finde ich etwas nervig: Da ziehe ich Schüchternheit dem Nachplappern vor...)

Witzig ist irgendwie, dass ich jetzt zwar problemlos in der Küche stehen kann, mich dafür sowohl im Bad als auch in meinem Zimmer, einem Bretterverschlag hinter dem Haupthaus, nur gebückt fortbewege. Ansonsten hat mein neues Zuhause viele Ähnlichkeiten mit dem vorherigen: Es gibt wieder mehrere Gebäude, von denen jedes ein Aufgabenfeld aufnimmt – die Hütte mit Küche und Esszimmer, das Haupthaus mit Schlafzimmer (und, wichtig, Fernseher) und meinem Verschlag im Anhang, und das Bad, eher eine Latrine mit Dusche. Dazwischen liegt ein kleiner Hof, eine staubige Fläche, über der die Wäscheleinen nächtliche Spaziergänge ziemlich gefährlich werden lassen.

Aus der Welt der Arbeit gibt es auch kleine Neuigkeiten. Gegen Ende des Monats wird eine Gruppe aus den Vereinigten Staaten nach Pucará kommen; ihre Aufgabe: Wiederaufforstung. Drei Tage werden sie in Familien in Pucará untergebracht sein, bevor sie, von Peter und mir begleitet, die Íntag-Region besser kennenlernen werden. Im Anschluss wird es einen kleinen Kurs für die Lehrerinnen der Spanischschule geben: Polly, eine Bekannte von Peter, mit der ich bei Stuarts Abschiedsfeier ins Gespräch kam, wird ihnen das Lehren lehren – eine für Lehrerinnen nicht ganz unwichtige Fähigkeit!

Ansonsten bin ich gespannt, auf welche Tiere ich in den nächsten Tagen stoßen werde: Am Sonntag ringelte vor mir eine Schlange über den Weg. Meine Recherche hat ergeben, dass es eine Korallenotter gewesen sein müsste – schwarz mit roten und gelben Streifen (oder Ringeln?) und etwas mehr als einen Meter lang. Am Montag folgte der nächste Exot, den ich allerdings nicht benennen kann: Ein braunes Tier, das sehr nach Katze aussah, jedoch größer war und einen ziemlich langen Schwanz hatte. Man hat mir den Namen zwar verraten, ich konnte jedoch keine Übersetzung finden. Tierfreunde und -kenner: Ich würde mich über eure Hilfe freuen!

Euch allen wünsche ich einen schönen Herbst – die Angaben zu dessen Beginn sind irgendwie widersprüchlich: Mal heißt es, dass er bereits Einzug erhalten habe, mal hören sich die Berichte noch sehr nach Sommer an. Hier regnet es immer öfter, aber stets erst am Nachmittag. Dennoch gab es am Dienstag erstmals kein Wasser aus der Leitung in Pucará – was in Apuela schon seit Wochen stattfindet, scheint nun auch hier zu beginnen. Warum das ausgerechnet jetzt, da es regnet, losgeht, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Doch das Periódico ÍNTAG wird im November darüber berichten...

jueves, 30 de septiembre de 2010

Golpe de estado

IM ABGESCHIEDENEN ÍNTAG bekomme ich nicht immer gleich alles mit. Wenn ich im Internetcafé bin, verfolge ich zwar die Nachrichten auf diversen deutschen Nachrichtenportalen – das lateinamerikanische Tagesgeschehen im Allgemeinen und das ecuadorianische im Besonderen bekomme ich da aber nur am Rande mit: Man sollte meinen, dass ich, da ich ja hier bin, erfahren sollte, was sich so tut! Weit gefehlt: Als man mir heute erzählte, dass sich das Land im Ausnahmezustand befände, war ich doch sehr überrascht!

Die Fahrt nach Quito wird erstmal verschoben. Schade! Die Ausstellung, die ich mir ansehen wollte (danke, Herr Herbstreuth, für Ihren Tip!), ist dann gelaufen. Aber irgendwie lohnt es sich nicht, alle Warnungen zu ignorieren, um mir das anzusehen: Die Policía Nacional streikt und kann demnach nicht für die Sicherheit im Land sorgen. Präsident Correa hat angekündigt, die Boni für Polizisten zu kürzen, womit sich die Staatsdiener nicht abfinden wollen. Sie haben also kurzerhand den Flughafen in Quito besetzt und den Präsidenten und dessen Frau nach Medienberichten attackiert, woraufhin die Regierung den Ausnahmezustand verhängt hat. Peru hat die Grenze zu Ecuador zugemacht und noch ist nicht abzusehen, wohin das Spektakel führt...

Ich bin im Augenblick in Otavalo, wo es ruhig ist. Und in Íntag wird eh nichts passieren: Dort wird weiterhin alles seinen gewohnten Lauf nehmen. Also: Bei mir ist alles gut, macht euch keine Sorgen! Schaut euch stattdessen die Bilder an, die ich hochgeladen habe.

miércoles, 29 de septiembre de 2010

Chang: otro amigo mío, Sebi aka BoboPK, solía seguir el blog que tenía en Nicaragua, y quisiera saber si está leyendo de nuevo...

DER ERSTE MONAT in Pucará ist vorbei, und somit steht auch schon der Wechsel zu meiner zweiten Gastfamilie vor der Tür! Am Samstag werde ich umziehen und dann bis Anfang November bei Doña Teresa wohnen, etwa hundertfünfzig Meter von meiner aktuellen Gastfamilie entfernt. Schade, irgendwie, dass ich, solange ich hier bin, monatlich umziehen muss: Zumindest bei Doña Emperatriz habe ich mich sehr wohlgefühlt – und kam mir willkommener vor, als dies jemals bei meiner nicaraguanischen Gastfamilie, mit der ich ein eher schwieriges Verhältnis pflegte, der Fall war. Aber es hilft ja nichts: Was muss, das muss – und so werde ich mich diesem durchaus ertragbaren Schicksal beugen. Und umziehen!

Während der Alltag in Pucará seinen Lauf nimmt, ist noch nicht ganz sicher, mit welchen Aufgaben ich mich im weiteren Verlauf der kommenden Wochen und Monate beschäftigen werde. Auf jeden Fall werde ich weiterhin zweimal wöchentlich mit den Kindern aus Pucará arbeiten. Zusätzlich übersetze ich zumindest momentan Artikel aus der hiesigen Zeitung, dem Periódico ÍNTAG, damit man auch in Deutschland von den Ereignissen rund um Umweltschutz und Minenunternehmen erfahren kann, ohne der spanische Sprache mächtig sein zu müssen. Weitere Ideen für mehr als genug Arbeit existieren – ob ich sie tatsächlich umsetzen kann, steht allerdings noch in den Sternen, weshalb ich zu diesem Zeitpunkt noch nichts verraten möchte...

Nachdem mir in letzter Zeit immer wieder zu Ohren gekommen war, dass mal diese, mal jene Person aus Pucará krank geworden war, schien es sich am Dienstag um etwas Ernsthaftes zu handeln: Doña Teresa, die ab Samstag meine Gastmutter sein wird, lief schnellen Schrittes zu Don Fausto, der allerdings in diesem Moment nicht in Pucará war, um ihn zu bitten, ihre Enkelin Tanya, die in der Spanischschule arbeitet, schnellstmöglich ins Krankenhaus zu fahren – es ginge ihr sehr schlecht, und im Krankenhaus von Apuela könne man sie nicht behandeln. Auch die Tränen von Doña Teresa halfen nichts: Don Fausto, der eins der beiden Autos von Pucará besitzt, war nunmal außerhalb Pucarás unterwegs. Beeindruckend, mit welcher Gelassenheit die anderen Anwesend ihre Vermutungen anstellten: »Das wird bestimmt der Blinddarm sein!« Warum nicht den Krankenwagen rufen? Der Stand auf halber Strecke zwischen Pucará und Apuela – mit nur drei Rädern. Und das seit Montag... Im Endeffekt ging alles gut, Tanya wurde in Cotacachi operiert – es war tatsächlich der Blinddarm! – und auch der Krankenwagen steht nicht mehr in der Wildnis.

Vorhin habe ich ein wenig recherchiert, um etwas mehr über die hier aktiven Nichtregierungsorganisationen zu erfahren und stieß dabei auf zwei interessante Homepages: Das Energieunternehmen Lichtblick engagiert sich offensichtlich auch in Ecuador für den Umweltschutz und für erneuerbare Unternehmen und scheint regelmäßig auch aus Íntag zu berichten: Hier geht es zum entsprechenden Bericht – inklusive Foto von Doña Empera und mir! Zudem gibt es einen Bericht in englischer Sprache über die Asamble Nacional Ambiental, die Nationale Umweltschutzversammlung, und die aktuellen Entwicklungen in Ecuador, was das Thema Umweltschutz betrifft, auf der Seite der DECOIN.

Am Donnerstag werde ich nach Otavalo fahren, um am Freitag nach Quito zu reisen: Eine Kunstausstellung wartet dort, und ich werde mich mit Julika, die ich seit Jahren kenne und die auch gerade mit weltwärts in Ecuador ist, treffen! Ich habe dabei ein etwas ungutes Gefühl, weil ich seit langem nichts Gutes mehr über Quito gehört habe: Es scheinen alle, die sich dorthin wagen, überfallen zu werden. Hoffen wir, dass ich auch dieses Mal wieder gut aus der Hauptstadt komme! Es wäre ja nicht das erste Mal, dass ich den Moloch unbeschadet und zufrieden verlasse...

domingo, 26 de septiembre de 2010

¿Estás siguiendo este blog, Sebi?

DAS PARADIES IST eigentlich gar nicht schwer zu erreichen: Mit dem ersten und dem letzten Bus des Transportunternehmens »Otavalo« fährt man von Apuela weiter in südwestlicher Richtung, »adentro«: hinein, wie man diese Richtung hier beschreibt, über García Moreno und gelangt schließlich nach Magdalena Bajo. Dort muss man ein bisschen Glück haben, dass gerade eine camioneta bereitsteht, deren Fahrer die wenigen Kilometer über die noch weniger gute »Straße« zurückzulegen bereit ist. Nach einer Fahrzeit von insgesamt rund zweieinhalb Stunden kommt man dann an: In El Paraíso!

Schon oft habe ich mich gewundert, warum Jesus und alle, die mit ihm Kontakt gekommen sind, auf sämtlichen Darstellungen weiß sind. In Tansania habe ich mich darüber schon fast geärgert: Dass die Kirche ihre Protagonisten immer nach europäischem Vorbild gestaltet! Hier – endlich, endlich – fühle ich mich zwar nicht bestätigt, weil ich keine Vorstellung hatte, die man mir hätte bestätigen können, aber irgendwie empfinde ich dennoch eine Genugtuung: Die Menschen, die im Paradies leben, sind fast ausschließlich schwarz!

Lange war ich nicht im Paradies: Von Freitagmittag bis Samstagmorgen habe ich dort mit Nora zusammen eine Rast eingelegt, um mit Carmen, die dort lebt und in Pucará in der Spanischschule arbeitet, über mögliche Arbeiten und Aufgaben in der und für die Spanischschule zu sprechen. Dennoch hatte ich genug Zeit, ein paar Dinge zu bemerken: Auf dem Weg von Apuela nach El Paraíso änderte sich die Zusammensetzung der Fahrgäste. Es stiegen nicht nur immer mehr Menschen aus, sodass wir am Ende noch zu fünft im Bus saßen – die Menschen, die mit uns im Bus saßen, waren, je weiter wir Apuela zurückließen, immer seltener indianischen oder spanischen Ursprungs, haben ihre Wurzeln offensichtlich auf dem Afrikanischen Kontinent. Die Häuser am Straßen-, besser: Wegrand unterschieden sich immer mehr von denen in Pucará, Apuela, Otavalo: In dem Maße, in dem Beton und Stein als Materialien abnahmen, waren immer mehr Holzhäuser zu sehen. Und zum Teil hatten die diese Bezeichnung: Haus, durchaus verdient! Nicht selten waren sie zweigeschossig, und teilweise waren die Fassaden aus filigran zurechtgeschnitzten Holzstückchen zusammengesetzt! Klar: Je weiter die Städte entfernt liegen, desto teurer wird der Transport der Baumaterialien, sodass die Entscheidung für in der Umgebung auffindbare Baustoffe irgendwann erforderlich wird!

Ich habe mich jedenfalls sehr an den Nicaragua-Karibikurlaub erinnert gefühlt: Die Bauweise in El Rama, Bluefields und auf den Corn Islands war sehr ähnlich, und auch dort bestand die Bevölkerung hauptsächlich aus dunkelhäutigen – ich weiß nicht, was momentan politisch korrekt ist; und es ist mir egal – Nicaraguanerinnen und Nicaraguanern – das Gendering kann ja trotzdem. Nur ein nicht ganz unwichtiges Detail unterschied sich sehr vom nicaraguanischen oriente: Wir befanden uns nach wie vor in den Bergen!

Carmen hat mit ihrem Gatten Patricio eine kleine Pension in El Paraíso. Außerdem stellen sie Schmuck und Schlüsselanhänger aus Perlen her, die sie aus bestimmten Samen schnitzen, schleifen, bemalen. Warum sie ausgerechnet in El Paraíso, was wirklich ab vom Schuss liegt, eine Pension unterhalten, wurde mir nicht ganz klar. Dass dieses Unternehmen nicht so gut laufen kann, schloss ich nicht nur aus dessen Lage, sondern auch daran, dass vor allem Carmen in ungefähr jedem zweiten Satz den Wunsch äußerte, dass wir unbedingt wieder zu Besuch kommen sollten, um uns die »Attraktionen« in und um El Paraíso anzusehen! Und am besten solle ich doch auch als Freiwilliger dort arbeiten, und nicht nur in Pucará. Es beschlich mich im Laufe unseres Besuchs immer mehr das Gefühl, dass es Carmen nicht darum ging, mit mir über die Spanischschule zu sprechen, sondern mich von dieser abzuwerben. Unangenehm!

Angenehmer war das Abendprogramm: Weil eine französische Reisegruppe in El Paraíso war, wurde eine ortsansässige Band organisiert, die uns mit ihren musikalischen Fähigkeiten unterhielt. Wir saßen also gemütlich in einer Runde, ein Kanister mit selbstgebranntem Destillat machte die Runde und die Herren gaben ziemlich schnulzige Lieder zum Besten. Danach unterhielten Nora und ich uns noch ein Weilchen mit der Dorfjugend und wurden mit Bier vom Nachbarn der Pension, der auch Simon heißt und in diesem wirklich nicht barrierefreien Dorf (Schlaglöcher, und der Weg dorthin ist ein Thema für sich) trotz seiner Blindheit gut zurechtzukommen scheint...

Am Samstagmorgen fuhren Nora und ich mit Patricio und einem anderen jungen Mann aus El Paraíso nach Junin. Weil es billiger war und schneller gehen sollte, nahmen wir beide auf jeweils einem Motorradrücksitz Platz. Ohne Helm: Wir sind ja in Südamerika! (Nein, wir haben keine Sekunde daran gedacht, dass in diesem Jahr eine andere YAP-Freiwillige in Nicaragua fast an den Folgen eines Motorradunfalls gestorben war, weil sie keinen Helm getragen hatte.) Allerdings: Besonders schnell waren wir nicht unterwegs. Das ließen diverse Steigungen, Schlaglöcher und Fahrbahnbeläge nicht zu! Dreißig Kilometer und etwas mehr als eine Stunde später kamen wir dann in Junin an. Einerseits wollten wir dorthin, weil die achte »Asamblea de Mujeres de Íntag«, also die achte Versammlung der Frauen aus Íntag, dort stattfinden würde. Andererseits hat Junin eine spannende Vergangenheit: Vor einigen Jahren ließ sich dort ein Minenunternehmen nieder. Oder, richtiger: wollte sich dort niederlassen. Man hatte es auf die Kupfervorkommen bei Junin abgesehen. Nach erfolgreichen Probebohrungen und -sprengungen hätte die Kupferförderung dann eigentlich losgehen können. Eigentlich: Wenn sich die Einwohnerinnen und Einwohner nicht so hartnäckig und effektiv gewehrt hätten...

Nachdem man den Versprechen des Unternehmens anfänglich Glauben geschenkt und dem Minenbetrieb somit Tür und Tor so gut wie geöffnet hatte, bemerkte man bald, dass irgendetwas aus dem Ruder gelaufen war: Die Arbeiten hatten gerade erst begonnen, da starben die ersten Tiere, weil sie aus dem Bach getrunken hatten, von dem das Dorf lebte. Kindern, die in dem Rinnsal gebadet hatten, wurden krank, bekamen schlimme Ausschläge. Den Menschen aus Junin fiel es wie Schuppen von den Augen: Sie würden sehr bald an einen anderen Ort ziehen müssen, weg von dem verseuchten Wasser, weg von dem verseuchten Boden, der es ihnen nicht mehr erlauben würde, Felder zu bestellen und Gemüsegärten zu pflegen. Sie taten, was getan werden musste, um sich diesem Schicksal nicht ergeben zu müssen: Sie griffen zu allen erdenklichen Mitteln und schafften es nach zahlreichen Auseinandersetzungen, das Minenunternehmen tatsächlich aus Junin zu vertreiben. Wasser und Erdreich scheinen nicht nachhaltig verunreinigt worden zu sein, das behauptet man jedenfalls – der Alltag hat in Junin wieder Einzug erhalten!

Minenunternehmen wollen jetzt mit dem Kupferabbau unweit von El Paraíso beginnen; derzeit laufen die letzten Untersuchungen. Widerstand regt sich dort kaum – zu groß ist derzeit noch die Verlockung, täglich mehr als zwanzig Dollar für vergleichbar einfache Arbeit zu verdienen! Dass das kurzsichtig gedacht ist, ist offensichtlich: Obwohl dreiundzwanzig Dollar Tagelohn für hiesige Verhältnisse wirklich gut zu sein scheinen, helfen sie nicht sonderlich viel, wenn man davon zunächst neues Land kaufen muss, weil das alte verseucht ist. Wenn man irgendwann alle Lebensmittel von außerhalb kaufen muss. Wenn man zwar ein Dach über dem Kopf hat, aber keine Möglichkeit, an sauberes Wasser zum Baden und Waschen zu kommen. Wenn man die Kosten für Ärzte und Medikamente aufbringen muss...

(Patricio hat erzählt, dass das Minenunternehmen ihm, als er der »Präsident« von El Paraíso war, stolze sechshundert Dollar pro Monat versprochen hatte: Damit er sich nicht gegen den Kupferabbau äußere oder über die Risiken und Nebenwirkungen berichte.)

Zurück zu Junin: Heute gibt es dort Betten für Touristen, die kommen, um von den Kämpfen und Siegen der Vergangenheit zu erfahren und die (wieder) unberührte Natur zu erkunden. Etwas erschrocken war ich aber, nachdem ich von der Direktorin der ganzen Angelegenheit erfahren hatte, dass eine Übernachtung in Junin stolze dreißig Dollar kostet! Freiwillige, die in Junin Englisch- und Computerkenntnisse vermitteln sollen, zahlen stolze fünfzehn bis zwanzig Dollar. Täglich – ich bin noch kein Freund des turismo comunitario, für den ich mich in Pucará ja eigentlich stark machen soll!

Die asamblea der Frauen war nicht sonderlich spektakulär: Eine interessante Rede über und gegen den Machismus von einer Frau, die nicht nur gebildet und entschlossen wirkte, sondern durch viele Fragen an ihre Zuhörerinnen versuchte, diese aus ihrem Trott zu reißen, war der Anfang der sonst ziemlich zähen – Basisdemokratie... – Veranstaltung. Die Rednerin appellierte an die Zuhörerschaft, die bestimmt zu einem Drittel aus Männern bestand, dass diese die Arbeit der Frauen – die ungelogen so beschrieben wurde: kochen, waschen, putzen, Klatsch und Tratsch in der Dorfgemeinschaft, Erziehung der Kinder, Ehefrau – anerkennen und der Tatsache, dass ohne diese Arbeit kein Ehemann, keine Familie überleben könne, ins Auge blicken solle.

Die Rückfahrt nach Apuela war dann noch ein kleines Abenteuer. Wir fuhren mit der ranchera, einem Laster, der einen Bretterverschlag mit Sitzbänken geladen hat, in dem wiederum viele Passagiere Platz finden. Dieses Gefährt war erst langsam unterwegs, dann gar nicht mehr: Der Keilriemen riss. Nach einer Weile konnte er jedoch ersetzt werden – mit durch einen Nylonstrumpf. So kamen wir immerhin in die nächste Ortschaft, in der wir dann nochmal ein Stündchen warten musste, bis ein neuer Keilriemen aus Apuela gebracht wurde. Dort kamen wir dann schließlich noch an – wer hätte das gedacht?

miércoles, 22 de septiembre de 2010

Von Bergseen und Ministern

WEIL ICH DERZEIT so oft in Apuela bin, kann ich die Blog-Schlagzahl ein wenig erhöhen – und mal wieder von dem schreiben, was ich hier tagein, tagaus erlebe! Es hat sich etwas getan; nicht allzuviel, aber genug, um davon zu berichten.

Obwohl ich mir Anfang September gesagt hatte, vor Anbruch des kommenden Monats kein weiteres Mal nach Otavalo oder in eine andere Stadt außerhalb Íntags zu fahren, habe ich am vergangenen Donnerstag wieder den Weg nach Otavalo angetreten: Spontan habe ich Nora, die – ebenfalls mit YAP – in Apuela arbeitet, begleitet, um mit ihr um den Cuicocha-See zu umwandern. Erstmals seit Nicaragua kam ich in den (hier: zweifelhaften) Genuss, eine längere Strecke auf der Ladefläche einer camioneta (Pick-Up) zurückzulegen, da beim Warten auf den Bus nach Otavalo ein solches Gefährt geradezu provokant vor uns angehalten und sein Fahrer sich dazu bereiterklärt hatte, uns mitzunehmen. Wir hatten allerdings nicht bedacht, dass die rund fünfzig Kilometer nach Otavalo fast ausschließlich auf einer sehr holprigen Sandpiste zurückgelegt würden – was uns dazu zwang, über der Hinterachse des Fahrzeuges zu sitzen, um nicht gleich wieder von der Ladefläche katapultiert zu werden. Dumm: Dass diese Achse direkt hinter der Kabine ist und man also rückwärts transportiert wird. Wider erwarten kamen wir beide ohne rebellierende Mägen an.

Am Freitag ging es dann zur Laguna de Cuicocha. Dieser See liegt auf etwas mehr als dreitausend Metern, südlich des knapp fünftausend Meter hohen Cotacachi und eingefasst vom Kraterrand eines erloschenen Vulkans. Im See liegen zwei Inseln, auf die möglicherweise der Name des Sees zurückzuführen ist: Der Begriff cuicocha kommt aus dem Quichua und besteht aus den Wörtern cui, was Meerschweinchen bedeutet, und cocha, was für See steht. An dieser Stelle sei erwähnt, dass überhaupt alle den Inka bekannten Berge Ecuadors – und das sind die meisten – ihre von den Inka erdachten Namen behielten und nicht wenige Städte nicht umbenannt wurden.

Zurück zum Meerschweinchensee und dessen Umrundung. Gute vier Stunden brauchten wird, um das Gewässer auf dem Kraterrand zu umwandern – dabei boten sich uns tolle Ausblicke auf die südlich und westlich von Otavalo liegenden Berge Taita Imbabura und Fuya Fuya, die beide knapp fünftausend Meter hoch sind, und auf den schneebedeckten Cayambe zwischen Otavalo und Quito, der mit seinen fünftausendsiebenhundertsechzig Metern immerhin die höchste Erhebung auf dem Äquator darstellt. Doch auch der See sah spektakulär aus, wie er da dunkelblau vor uns lag, mit den beiden grünen Inselchen in seiner Mitte und eingerahmt von den steilen, begrünten Hängen die sich in das kühle Nass stürzen. Auch Blumen gab es zu bestaunen – es dürfte das erste Mal in meinem Leben gewesen sein, dass ich bereute, mich auf diesem Feld überhaupt nicht auszukennen! – und Eidechsen, die sich allerdings nur sehr selten blicken ließen.

Wieder beim Ausgangspunkt angekommen, stand die Sonne senkrecht über uns, meine Oberarme waren ziemlich dunkelrot und wir zufrieden, diese kleine, aufgrund der Höhe aber phasenweise dennoch anstrengende Wanderung unternommen zu haben! Ich konnte noch einen Guide für eine Mögliche Cotacachi-Besteigung ausmachen, und schon machten wir uns wieder auf den Weg nach Otavalo, wo wir uns mit anderen Freiwilligen trafen.

Am Samstagmittag – ich hatte den ersten Bus verschlafen und wollte im zweiten nicht mitfahren, weil der voll war und mir mein Kopf, meine Beine und meine Müdigkeit es mir nicht verziehen hätten, die drei Stunden im Stehen zurückzulegen – fuhr ich dann zurück nach Pucará. Bei der Gelegenheit habe ich fast meine Kamera eingebüßt, die noch auf meinem Platz lag, als ich schlaftrunken aus dem Fahrzeug sprang – und war irgendwie zufrieden, wieder in diesem verschlafenen Nest in Íntag angekommen zu sein!

[Zum Sonntag sage ich aus Respekt vor denen, deren Herz für einen Fußballverein aus der Nähe der Autobahnausfahrt Herne-West schlägt, nichts. Schön war's und ist's!]

Am Dienstag fand dann das statt, worauf ich mich schon seit ein paar Tagen gefreut hatte. Ich durfte arbeiten! Bisher hatte ich mich mit kleinen Arbeiten wie der Reparatur einer Tür, des Verlegens der Abflussrohre eines Spülbeckens, dem Aufsammeln von Müll und dergleichen beschäftigt. Jetzt kam ich zu der Ehre, genau die Arbeit zu tun, die ich von vornherein nicht machen wollte: Mein erklärtes Ziel war es, nach Jahren der Jugendarbeit gegen Ende meiner Schullaufbahn und einem Jahr Arbeit mit Kindern in Nicaragua auf diesem Feld vorerst nicht mehr tätig zu werden. Und dann kam der Vorschlag, dass ich doch mit den Grundschulkindern aus Pucará eine Gruppe aufbauen könnte, in der es ums Vorlesen, Lesen und Erfinden von Geschichten, ums Theaterspielen, ums Zeichnen – kurz: Um die Entfaltung und Förderung der Kreativität geht.

Trotz meines Vorsatzes gefiel mir die Idee auf Anhieb: Das könnte ein Engagement sein, das zwar kein Bargeld bringt und von heute auf morgen möglicherweise keinerlei Vorteile mit sich bringt, auf lange Sicht aber sehrwohl positive Effekte auf die Entwicklung und Persönlichkeit der Kinder haben kann. Und ins Konzept der Hilfe zur Selbsthilfe passt diese Unterstützung nach meinem Verständnis auch eher als die Finanzspritzen, die ich bisher vor allem gesehen habe...

Wenn wir es schaffen, diese Gruppe in Pucará zu etablieren und die Kinder Gefallen finden an diesem Angebot, werde ich von nun an zweimal wöchentlich mit dieser Aufgabe beschäftigt sein. Den Rest der Zeit sollte weiterhin/hoffentlich bald die Arbeit mit und für und von Peter in Anspruch nehmen.

Last but not least: In einigen wenigen Zeitungen (Stand: Sonntag) war bereits davon zu lesen, dass der für seine hervorragende Arbeit und perfekte Eignung viel und völlig zurecht gerühmte Bundesminister für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (»Entwicklungsminister«), der ehrenwerte Herr Dirk Niebel, das beinahe in trockenen Tüchern geglaubte Engagement Deutschlands für das Naturschutzgebiet Yasunín in Ecuador abgesagt hat. Es handelt sich hierbei um ein bisher einzigartiges Vorhaben, oder besser: Es hätte sich um ein bisher einzigartiges Vorhaben gehandelt. Im Yasunín-Reservat, das, wie andere Gegenden Ecuadors, eine atemberaubende Artenvielfalt aufweist, liegen große Erdölvorkommen begraben, die die ecuadorianische Regierung gewinnbringend und umweltzerstörend fördern könnte – doch bevor dieser Schritt getan werden konnte, kam von ausländischen Regierungen – unter anderem aus Deutschland, allerdings noch vor der laufenden Legislaturperiode – der Vorschlag, in diesem Fall das Erdölvorkommen Erdölvorkommen sein zu lassen. Im Gegenzug hätten Deutschland und andere Staaten die Hälfte der möglichen Einnahmen ohne weitere Gegenleistungen, abgesehen von der Nich-Förderung des Erdöls, in einen Fonds eingezahlt, der durch seine Zinsen die Finanzierung von Projekten im Bildungs- und Gesundheitssektor in Ecuador ermöglicht hätte. Als der ecuadorianische Präsident vor kurzem die Frist, innerhalb derer die Zahlungen hätten getätigt werden müssen, von einem auf ein halbes Jahr kürzte, wurde bereits das Ende des ehrgeizigen Vorhabens befürchtet. Seit nun Dirk Niebel an der Sinnhaftigkeit dieses Projektes zweifelte und ankündigte, keine Gelder aus seinem Etat zur Verfügung zu stellen, ist vom beinahe sicheren Tod dieser interessanten Idee die Rede. Ob der Herr Minister noch umzustimmen oder das Projekt auch ohne Deutsche Hilfe durchzuführen ist, steht derzeit in den Sternen – aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Und vielleicht meint es Herr Niebel ja auch nur gut: Nach der Zusammenlegung von DED und GTZ hätte er womöglich nicht mehr genügend hervorragend ausgebildete Entwicklungshelferinnen und Entwicklungshelfer, die er zur zuverlässigen Überwachung der Erfüllung des Abkommens nach Ecuador schicken könnte...