miércoles, 22 de septiembre de 2010

Von Bergseen und Ministern

WEIL ICH DERZEIT so oft in Apuela bin, kann ich die Blog-Schlagzahl ein wenig erhöhen – und mal wieder von dem schreiben, was ich hier tagein, tagaus erlebe! Es hat sich etwas getan; nicht allzuviel, aber genug, um davon zu berichten.

Obwohl ich mir Anfang September gesagt hatte, vor Anbruch des kommenden Monats kein weiteres Mal nach Otavalo oder in eine andere Stadt außerhalb Íntags zu fahren, habe ich am vergangenen Donnerstag wieder den Weg nach Otavalo angetreten: Spontan habe ich Nora, die – ebenfalls mit YAP – in Apuela arbeitet, begleitet, um mit ihr um den Cuicocha-See zu umwandern. Erstmals seit Nicaragua kam ich in den (hier: zweifelhaften) Genuss, eine längere Strecke auf der Ladefläche einer camioneta (Pick-Up) zurückzulegen, da beim Warten auf den Bus nach Otavalo ein solches Gefährt geradezu provokant vor uns angehalten und sein Fahrer sich dazu bereiterklärt hatte, uns mitzunehmen. Wir hatten allerdings nicht bedacht, dass die rund fünfzig Kilometer nach Otavalo fast ausschließlich auf einer sehr holprigen Sandpiste zurückgelegt würden – was uns dazu zwang, über der Hinterachse des Fahrzeuges zu sitzen, um nicht gleich wieder von der Ladefläche katapultiert zu werden. Dumm: Dass diese Achse direkt hinter der Kabine ist und man also rückwärts transportiert wird. Wider erwarten kamen wir beide ohne rebellierende Mägen an.

Am Freitag ging es dann zur Laguna de Cuicocha. Dieser See liegt auf etwas mehr als dreitausend Metern, südlich des knapp fünftausend Meter hohen Cotacachi und eingefasst vom Kraterrand eines erloschenen Vulkans. Im See liegen zwei Inseln, auf die möglicherweise der Name des Sees zurückzuführen ist: Der Begriff cuicocha kommt aus dem Quichua und besteht aus den Wörtern cui, was Meerschweinchen bedeutet, und cocha, was für See steht. An dieser Stelle sei erwähnt, dass überhaupt alle den Inka bekannten Berge Ecuadors – und das sind die meisten – ihre von den Inka erdachten Namen behielten und nicht wenige Städte nicht umbenannt wurden.

Zurück zum Meerschweinchensee und dessen Umrundung. Gute vier Stunden brauchten wird, um das Gewässer auf dem Kraterrand zu umwandern – dabei boten sich uns tolle Ausblicke auf die südlich und westlich von Otavalo liegenden Berge Taita Imbabura und Fuya Fuya, die beide knapp fünftausend Meter hoch sind, und auf den schneebedeckten Cayambe zwischen Otavalo und Quito, der mit seinen fünftausendsiebenhundertsechzig Metern immerhin die höchste Erhebung auf dem Äquator darstellt. Doch auch der See sah spektakulär aus, wie er da dunkelblau vor uns lag, mit den beiden grünen Inselchen in seiner Mitte und eingerahmt von den steilen, begrünten Hängen die sich in das kühle Nass stürzen. Auch Blumen gab es zu bestaunen – es dürfte das erste Mal in meinem Leben gewesen sein, dass ich bereute, mich auf diesem Feld überhaupt nicht auszukennen! – und Eidechsen, die sich allerdings nur sehr selten blicken ließen.

Wieder beim Ausgangspunkt angekommen, stand die Sonne senkrecht über uns, meine Oberarme waren ziemlich dunkelrot und wir zufrieden, diese kleine, aufgrund der Höhe aber phasenweise dennoch anstrengende Wanderung unternommen zu haben! Ich konnte noch einen Guide für eine Mögliche Cotacachi-Besteigung ausmachen, und schon machten wir uns wieder auf den Weg nach Otavalo, wo wir uns mit anderen Freiwilligen trafen.

Am Samstagmittag – ich hatte den ersten Bus verschlafen und wollte im zweiten nicht mitfahren, weil der voll war und mir mein Kopf, meine Beine und meine Müdigkeit es mir nicht verziehen hätten, die drei Stunden im Stehen zurückzulegen – fuhr ich dann zurück nach Pucará. Bei der Gelegenheit habe ich fast meine Kamera eingebüßt, die noch auf meinem Platz lag, als ich schlaftrunken aus dem Fahrzeug sprang – und war irgendwie zufrieden, wieder in diesem verschlafenen Nest in Íntag angekommen zu sein!

[Zum Sonntag sage ich aus Respekt vor denen, deren Herz für einen Fußballverein aus der Nähe der Autobahnausfahrt Herne-West schlägt, nichts. Schön war's und ist's!]

Am Dienstag fand dann das statt, worauf ich mich schon seit ein paar Tagen gefreut hatte. Ich durfte arbeiten! Bisher hatte ich mich mit kleinen Arbeiten wie der Reparatur einer Tür, des Verlegens der Abflussrohre eines Spülbeckens, dem Aufsammeln von Müll und dergleichen beschäftigt. Jetzt kam ich zu der Ehre, genau die Arbeit zu tun, die ich von vornherein nicht machen wollte: Mein erklärtes Ziel war es, nach Jahren der Jugendarbeit gegen Ende meiner Schullaufbahn und einem Jahr Arbeit mit Kindern in Nicaragua auf diesem Feld vorerst nicht mehr tätig zu werden. Und dann kam der Vorschlag, dass ich doch mit den Grundschulkindern aus Pucará eine Gruppe aufbauen könnte, in der es ums Vorlesen, Lesen und Erfinden von Geschichten, ums Theaterspielen, ums Zeichnen – kurz: Um die Entfaltung und Förderung der Kreativität geht.

Trotz meines Vorsatzes gefiel mir die Idee auf Anhieb: Das könnte ein Engagement sein, das zwar kein Bargeld bringt und von heute auf morgen möglicherweise keinerlei Vorteile mit sich bringt, auf lange Sicht aber sehrwohl positive Effekte auf die Entwicklung und Persönlichkeit der Kinder haben kann. Und ins Konzept der Hilfe zur Selbsthilfe passt diese Unterstützung nach meinem Verständnis auch eher als die Finanzspritzen, die ich bisher vor allem gesehen habe...

Wenn wir es schaffen, diese Gruppe in Pucará zu etablieren und die Kinder Gefallen finden an diesem Angebot, werde ich von nun an zweimal wöchentlich mit dieser Aufgabe beschäftigt sein. Den Rest der Zeit sollte weiterhin/hoffentlich bald die Arbeit mit und für und von Peter in Anspruch nehmen.

Last but not least: In einigen wenigen Zeitungen (Stand: Sonntag) war bereits davon zu lesen, dass der für seine hervorragende Arbeit und perfekte Eignung viel und völlig zurecht gerühmte Bundesminister für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (»Entwicklungsminister«), der ehrenwerte Herr Dirk Niebel, das beinahe in trockenen Tüchern geglaubte Engagement Deutschlands für das Naturschutzgebiet Yasunín in Ecuador abgesagt hat. Es handelt sich hierbei um ein bisher einzigartiges Vorhaben, oder besser: Es hätte sich um ein bisher einzigartiges Vorhaben gehandelt. Im Yasunín-Reservat, das, wie andere Gegenden Ecuadors, eine atemberaubende Artenvielfalt aufweist, liegen große Erdölvorkommen begraben, die die ecuadorianische Regierung gewinnbringend und umweltzerstörend fördern könnte – doch bevor dieser Schritt getan werden konnte, kam von ausländischen Regierungen – unter anderem aus Deutschland, allerdings noch vor der laufenden Legislaturperiode – der Vorschlag, in diesem Fall das Erdölvorkommen Erdölvorkommen sein zu lassen. Im Gegenzug hätten Deutschland und andere Staaten die Hälfte der möglichen Einnahmen ohne weitere Gegenleistungen, abgesehen von der Nich-Förderung des Erdöls, in einen Fonds eingezahlt, der durch seine Zinsen die Finanzierung von Projekten im Bildungs- und Gesundheitssektor in Ecuador ermöglicht hätte. Als der ecuadorianische Präsident vor kurzem die Frist, innerhalb derer die Zahlungen hätten getätigt werden müssen, von einem auf ein halbes Jahr kürzte, wurde bereits das Ende des ehrgeizigen Vorhabens befürchtet. Seit nun Dirk Niebel an der Sinnhaftigkeit dieses Projektes zweifelte und ankündigte, keine Gelder aus seinem Etat zur Verfügung zu stellen, ist vom beinahe sicheren Tod dieser interessanten Idee die Rede. Ob der Herr Minister noch umzustimmen oder das Projekt auch ohne Deutsche Hilfe durchzuführen ist, steht derzeit in den Sternen – aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Und vielleicht meint es Herr Niebel ja auch nur gut: Nach der Zusammenlegung von DED und GTZ hätte er womöglich nicht mehr genügend hervorragend ausgebildete Entwicklungshelferinnen und Entwicklungshelfer, die er zur zuverlässigen Überwachung der Erfüllung des Abkommens nach Ecuador schicken könnte...

jueves, 16 de septiembre de 2010

Alltag

WAS MACHT MAN eigentlich so den ganzen Tag in einem Dorf, in dem nur – nehmen wir mal an – rund einhundert Menschen leben und das von der Außenwelt mehr oder weniger abgeschnitten ist? Arbeiten! – dachte ich. Das ist Quatsch! – weiß ich jetzt. Also: Was machen die Leute hier? [Ich kann hier (noch) nicht für alle Pucareños antworten, weil ich die meisten nicht von morgens bis abends begleite oder mitbekomme. Aber grundlegend unterscheiden sich die Tagesabläufe der Leute hier nicht, und so kann man sich anhand des Alltags meiner derzeitigen Gastfamilie sicherlich schon einiges vorstellen.]

Es geht früh los. Vicente sitzt ab kurz vor sieben auf der Bank vor dem Haus, zusammen mit seiner fast gleichaltrigen Nichte Jessica und gelegentlich auch mit seiner Mutter, und wartet auf den Laster, der Jessica und ihn mit nach Apuela nimmt, wo die beiden auf das colegio, die weiterführende Schule, gehen. Während Vicente und Co. draußen sitzen, läuft für gewöhnlich in dem Zimmer, das an meins grenzt, Musik. Oder, besser: Reggaeton. Und das so laut, dass sogar ich davon aufwache. Bis ich dann bei Bewusstsein bin, sind die Schülerinnen und Schüler schon kurz vor Apuela – und mein Gastvater, Don Manuel, arbeitet seit einer knappen Stunde. Kurz nach Sonnenaufgang – also um kurz nach sechs – macht er sich, meistens mit einer Hacke oder sonstigem leichten Werkzeug ausgestattet, auf den Weg: Etwas oberhalb von Pucará befinden sich die Felder eines Nachbarn, auf denen Don Manuel stets mitarbeitet: Bohnen, Mais, Erbsen, Kartoffeln etc. werden geerntet und die Felder dann neu bestellt. Geld bekommt mein Gastvater für diese Arbeit nicht, aber er erhält einen Teil der Ernte. Doña Empera, meine Gastmutter, sagt, dass die Ernte zwischen den beiden Herren – dem Besitzer und Don Manuel – geteilt würde, was ich allerdings bezweifle. (Nichtsdestotrotz muss meine Gastfamilie keinen Hunger leiden.) Meine Gastmutter frühstückt zunächst gemeinsam mit mir: Brot, Kaffee und ein (manchmal halbrohes) Ei und macht dann vormittags, was eben so anfällt. Sie füttert die Schweine, die ich trotz intensiver Suche irgendwie noch nicht entdecken konnte, wäscht, löst Maiskörner vom Maiskolben oder Erbsen oder Bohnen aus ihren Hülsen, füttert die Hühner (was schnell geht) und unterhält sich auf der Straße mit den Nachbarn.

Um möglichst genau zwölf Uhr mittags gibt es dann Essen. Meistens sind wir zu dritt; Doña Empera, Don Manuel und ich. Es gibt immer zunächst eine Suppe, in der nicht selten ein (Stück) Huhn schwimmt. Es folgt immer: Reis. Mal mit Mais, mal mit Bohnen, mal mit Erbsen, mal mit Kartoffeln, mal mit de todo un poco; und oben drauf liegt nicht selten ein Spiegelei. Das Mahl sättigt nicht schlecht und immer wieder passiert es, dass ich mich nach dem Essen erstmal hinsetzen und tief durchatmen muss.

Nach dem Mittagessen geht es dann weiter: Don Manuel geht manchmal zurück aufs Feld, bleibt aber auch hin und wieder zu Hause. Hier putzt er dann das BMX von Vicente oder seine Gummistiefel oder setzt sich vor die kleine Kirche, die auf der anderen Seite des Sandweges, der am Grundstück der Familie vorbeiführt, steht: Weil dort immer irgendwer vorbeikommt und sich dann zu ihm gesellt, ist er dort auch nie allein. Vicente kommt um zwei Uhr rum nach Hause, sieht fern, hört wieder Reggaeton, telefoniert und hilft manchmal Doña Empera bei kleinen Arbeiten. Als die beiden das kleine Stück Rasen zwischen Haus und Maisfeld gepflegt haben, als wären wir hier in England, kam mir jedoch der dumpfe Verdacht, dass die beiden, zumindest in jenem Moment, auch Mühe hatten, beschäftigt zu bleiben. Doña Emperas Programm sieht am Nachmittag so aus wie am Morgen.

Ab spätestens fünf Uhr ziehen dann ziemlich rasch ziemlich viele Wolken auf, die langsam sinken und in ihrer Bewegung Pucará in Nebel hüllen. Dann wird es ziemlich frisch und bald darauf auch schnell dunkel – am Äquator fackelt die Sonne weder beim Auf- noch beim Untergehen lange: Zeit zum Abendessen! Das sieht dem Mittagessen ähnlich, kommt ihm bei der Größe der Portionen aber glücklicherweise nicht so nah. Und: Abends sind wir zu viert! Nach dem Essen ziehen sich Vater, Mutter, Kind zum Fernsehen zurück, ich gehe die drei Schritte weiter in mein Zimmer und lese. Soweit zum Alltag in der Familie.

Generell würde ich nach den bisherigen Eindrücken davon ausgehen, dass sich hier niemand zu Tode arbeiten wird. Es ist zwar enorm, welche Lasten und Volumen vor allem die Männer manchmal auf ihrem Weg vom Feld nach Hause schleppen – aber so häufig kommt das nicht vor, und wirklich lange scheint am Tag fast niemand zu arbeiten. Warum auch? Die meiste Arbeit, die anfällt, hat direkt mit der Beschaffung von Nahrungsmitteln zu tun. Arbeitsverträge müssen nicht erfüllt werden, und wer zuviel erntet, kann damit sowieso erst einmal nichts anfangen! Don Gonzalo, den hier alle nur Mono (Affe) nennen, schießt den Vogel ab: Er bietet mir ab und zu schon vormittags einen Schnaps an. Obwohl ich hier wirklich nur sehr ungern Angebote ablehne, weil das schnell als beleidigend aufgefasst wird, kann ich da nicht mitziehen – und inzwischen wundere ich mich über diese nettgemeinten Angebote nicht mehr: Der Mono scheint Pucarás (angeblich) einziger Alkoholiker zu sein.

Und es gibt außer dem Mono noch andere Herrschaften, die nicht auf den Feldern arbeiten. Don Marco beispielsweise. Der wohnt in einem von Peters Projekt erbauten Haus, gemeinsam mit seiner Frau, seiner (?) Tochter und ein paar Hunden und ist zu alt, um ein Feld zu bestellen oder abzuernten. Dafür wacht er über den Schlüssel, der seit neuestem für den Eintritt in die öffentlichen Duschen notwendig ist, und hat einen kleinen Gemüsegarten auf dem Grundstück dieser Duschen. Weil er gegenüber der Casa Comunal wohnt, in der sich auch mein »Gerätelager« befindet, sehe ich Don Marco eigentlich, naja, immer. Nach den Falten in seinem Gesicht zu urteilen, wird er ungefähr vierhundert Jahre alt sein. Seine Witze und seine derbe Ausdrucksweise lassen darauf schließen, dass er vielleicht bald mit der Schule fertig ist. Auf alle Fälle ist er ein ziemlich lustiger Zeitgenosse, und wenn ich mich eine Weile mit ihm unterhalten habe, und das mache ich ja gerne, schenkt er mir regelmäßig zwei guineos, das sind diese kleinen Bananen, die man in Deutschland bekommt, wenn man ecuadorianische Bio-Bananen (so ein Unsinn!) einkauft – und die sowohl in Mittelamerika als auch hier die ganz normalen, süßen Bananen zum sofortigen Verzehr sind.

Und mit diesem kurzen Exkurs zum Thema Bananen beschließe ich diesen Eintrag: Weil schwatzgelb so eine schöne Farbe ist!

domingo, 12 de septiembre de 2010

Arbeit und -losigkeit

ES IST SCHADE, wie der »Entwicklungspolitische Freiwilligendienst« des Bundesministeriums für Zusammenarbeit, »weltwärts«, immer wieder in der Kritik steht: Den Freiwilligen wird, mehr oder weniger pauschal, unterstellt, einen »Egotrip ins Elend« zu unternehmen und dergleichen. Dem habe ich immer widersprochen – und auch weiterhin bin ich davon überzeugt, dass man nicht davon sprechen kann, dass die Einsätze, die durch »weltwärts« ermöglicht werden, grundsätzlich sinnlos sind.

Allerdings merke ich momentan sehr, wie stark die Sinnhaftig- respektive -losigkeit eines Einsatzes im Rahmen des »weltwärts«-Programmes von der guten Planung durch die beteiligten Organisationen abhängig ist. Und von einer Vision, einer Zielsetzung.

Nueva Nicaragua Wiesbaden e.V., der Verein, für den ich nach dem Abitur ein Jahr lang in Nicaragua gearbeitet habe, hatte all dies: Eine gute Planung, eine Vision und Zielsetzungen. Dafür hatte ich kompetente Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner in Deutschland und vor Ort und meistens etwas zu tun.

Jetzt sieht das anders aus: Wie den ersten Blogeinträgen zu entnehmen ist (oder sein sollte), lief schon während der Vorbereitungsphase nicht alles ganz rund: Plötzlich sollte ich nicht mehr in dem Projekt arbeiten, an das ich vertraglich gebunden war und bin. Dann kam ein weiterer Projektwechsel, der dazu führte, dass wirklich alles unklar wurde und ich gar nicht mehr wusste, was mich erwarten würde. Das nahm ich als Herausforderung wahr und an: Ich würde das schon meistern!

Was die Sprache angeht und die Kultur, den Alltag, passt das auch: Inzwischen habe ich mich einigermaßen eingelebt in Pucará und fühle mich auch wohl dort. In meinem neuen Zuhause im ecuadorianischen Nebelwald, auf zweitausend Metern über Normal Null, mit ebenso einfachen wie herzlichen Mitmenschen, Subsistenzwirtschaft und herrlicher Aussicht.

Arbeitstechnisch sieht es allerdings mau aus: Offiziell bin ich der Koordinator der Escuela de Español de Intag. Doch dieser Titel bedeutet offenbar nicht unbedingt, dass ich alle Hände voll zu tun habe! Da nicht alle wissen, was es mit der Spanischschule auf sich hat, fange ich mal ganz vorne an –

Peter Shear ist US-Amerikaner. Er kommt aus einem ländlichen Staat im Nordwesten der USA und hat vor einiger Zeit seine eigene Nichtregierungsorganisation »C.A.S.A. interamericana« ins Leben gerufen. (C.A.S.A. steht für »Centro para las artes, el sustento, y la acción«, also Zentrum für Kunst, Nachhaltigkeit und Aktion.) Nach einigen Jahren in Guatemala hat es Peter nach Ecuador verschlagen. Hier kam er angesichts der rund zweihunderttausend Sprachschülerinnen und Sprachschüler auf die Idee, eine eigene Sprachschule aufbauen. Die sollte nicht in einer der üblichen Städte – Quito, Cuenca, Otavalo et cetera – sein und nicht von studierten, also relativ wohlhabenden Ecuadorianerinnen und Ecuadorianern unterhalten werden, sondern von Menschen, die hilfsbedürftig sind.

An dieser Stelle kommt Pucará ins Spiel: Ein kleines Dorf, das vor langer Zeit vom Volk der yumbo gegründet wurde, in Vergessenheit geriet und verfiel, um in den Vierzigerjahren des zwanzigesten Jahrhunderts wieder besiedelt zu werden. Pucará liegt auf einem Plateau am westlichen Rand der Anden, thront gewissermaßen über dem Intag-Tal, in dem Apuela liegt, und bietet hervorragenden Bedingungen für Landwirtschaft. Was der Ort nicht bietet: Verdienstmöglichkeiten. Und aus diesem Grund beschließen die jungen Menschen, die in Pucará aufwuchsen und aufwachsen, in die Stadt zu gehen. Nach Otavalo, nach Ibarra, nach Quito. Um Geld zu verdienen, um das Leben zu leben, das das Fernsehprogramm tagtäglich verspricht.

Peter beschloss, in Pucará eine Spanischschule zu gründen: Um Touristen in die Gegend zu locken und mit ihnen Geld. Die vier Lehrerinnen, die derzeit in der Spanischschule arbeiten, kommen aus oder leben in Pucará. Keine von ihnen hatte die Möglichkeit, zu studieren; sie haben Kurse besucht und jeweils eine Urkunde erhalten, die sie berechtig, Spanisch für Ausländer zu unterrichten. Für die Dauer ihres Aufenthaltes werden die Schülerinnen und Schüler in Gastfamilien untergebracht: Derzeit nehmen einundzwanzig Familien aus Pucará an dem Programm teil. Für jede Übernachtung erhält die entsprechende Familie zehn Dollar von ihrem Gast. Eine stattliche Summe, wenn man erstens in Betracht zieht, dass das Geld in Pucará selbst kaum ausgegeben werden kann und zweitens weiß, dass der monatliche staatliche Zuschuss für arme Familien dreißig Dollar beträgt!

Geworben wird für die Escuela de Español de Intag mit dem Ausdruck des turismo comunitario, dessen Übersetzung ins Deutsche ich nicht kenne: Gemeint ist eine Art Tourismus, von der die Einheimischen und am besten gleich eine ganze Gemeinschaft profitiert – und nicht ein Reiseunternehmen. Außerdem bietet die Spanischschule in Pucará Freiwilligeneinsätze an: Die Schülerinnen und Schüler gehen einen halben Tag in die Spanischschule und werden die andere Hälfte des Tages in die Feldarbeit oder andere Projekte eingebunden.

Soviel zur Spanischschule. Nun zu meiner Arbeit: Als Koordinater dieser Schule. Im Grunde lässt sich meine Arbeit in drei Bereiche einteilen – erstens: Die Arbeit mit den Lehrerinnen. Ich soll ihnen helfen, den Unterricht zu verbessern, indem ich ihnen beispielsweise die Erwartungen und Gedanken der ausländischen Schülerinnen und Schüler näherbringe. Zweitens: Die Arbeit mit den Gastfamilien. Ich schaue, welche Schülerinnen und welche Schüler in welcher Familie unterkommen. Dabei habe ich darauf zu achten, dass jede Familie auf lange Sicht ungefähr gleich viele Gäste hat und somit gleich stark von dem Programm profitiert. Drittens: Handwerkliche Tätigkeiten. Ich muss einen Überblick haben über die anstehenden Aufgaben. Was ist zu tun, was geht wie, und wann wird es am besten erledigt?

Vor allem den letzten Punkt hatte ich mir gewünscht für meinen Freiwilligendienst. Um trotz der Pause vom Architekturstudium irgendwie mit der Thematik auf Tuchfühlung zu bleiben – ganz praktisch und nicht nur in der Theorie. Blöd nur: Dass ich die Arbeiten nach Möglichkeit nicht erledigen soll! Vielmehr soll ich darauf achten, dass genügend Arbeit anfällt, wenn mal Kundschaft für die Schule kommt!

Und das ist genau der Haken an der ganzen Sache: Dass ich das Gefühl habe, ein paar gringas und gringos nicht mehr und nicht weniger als schöne Ferien bereiten zu sollen. Dass das ganze Projekt – so nett Peter ist und so herzlich die Pucareños sind – mit dem, was ich unter Entwicklungszusammenarbeit verstehe, nichts zu tun hat. Es geht um zweierlei: Bargeld für die Einheimischen und Events für die Touristen. Nun sind ja diese beiden Dinge per se nicht zu verteufeln – aber hier führen sie doch zu einem ziemlich wackeligen Konstrukt: Sobald Peter, warum auch immer, nicht mehr hier ist, um Schülerinnen und Schüler aus den USA zu mobilisieren und somit das Einkommen der Pucareños, ist die Sache gelaufen.

Mein Ziel ist es, eine Idee zu entwickeln, die das Projekt auf eine andere Schiene führt: Weg vom Geld, hin zu anderen Anreizen. Die können auch materieller Art sein: Ein Raum für die Jugendlichen, die noch in Pucará leben. Mit Internetanschluss, Computerkursen und Workshops mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Zeitung. Zum Beispiel.

Dazu muss ich zunächst die Jugendlichen besser kennenlernen. Dazu muss ich mit Peter sprechen, von dem immerhin das Geld kommt – oder kommen soll. Dazu muss ich mich mit den anderen Bewohnerinnen und Bewohnern auseinandersetzen: Damit sie verstehen und unterstützen, um was es geht!

Sollte all das nicht zu Stande kommen, wird es folgendermaßen aussehen: Ich werde mal hier, mal dort etwas reparieren. Mal hier, mal dort helfen, Erbsen zu schälen oder Bohnen. Einkäufe für die Schule tätigen und Fortbildungen buchen. Mit den Gastfamilien und mit an Spanischunterricht Interessierten in Kontakt bleiben. Und das wird der Bezeichnung des »Entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes« des Bundesministeriums für Zusammenarbeit, »weltwärts«, nicht gerecht, finde ich.

Ich hoffe also und denke viel nach. Und werde an gleicher Stelle berichten, sobald ich mehr weiß! Peter kommt in anderthalb Wochen wieder nach Ecuador...

jueves, 2 de septiembre de 2010

Bei Doña Empera

MEINE ERSTE GASTFAMILIE hier in Pucará ist die Familie Gonzales. Ich habe elf Gastbrüder, von denen allerdings nur der jüngste, Vicente, vierzehn Jahre alt, noch hier lebt: Die anderen zehn sind nach Otavalo gezogen, wo sie allesamt in Schreinereien arbeiten und Möbel herstellen. Meine Gastmutter, Doña Magdalena (Emperatriz Gonzales Flores), sagt, dass sie sechzig Jahre alt sei – es ist aber gut möglich, dass das grob geschätzt oder gerundet ist. Mein Gastvater ist (ungefähr) achtzig Jahre alt und heißt Don Manuel (Naranjo).

(Es mag ein unpassender Begriff sein, aber ein besserer fällt mir im Augenblick nicht ein:) Das Anwesen besteht aus fünf Hütten. Die größte nimmt vier kleine Zimmerchen auf, besteht aus Betonblöcken und ist so hoch, dass man aufrecht in ihr gehen und stehen kann. In einem der Zimmer, es ist das kleinste, schlafe ich: Geschätzte sieben Quadratmeter darf ich nun mein Reich nennen. Es ist, nunja, überschaubar und beschaulich und ganz gemütlich: Die Betonsteine wurden irgendwann einmal flüchtig gelb angestrichen, der Fußboden ist nackter wie staubiger Beton. Neben dieser Hütte steht ein Bad, ebenfalls aus Beton, mit Dusche, Waschbecken und Toilette. Warmes Wasser? Wozu! (Dieses Bad ist an die Kanalisation angeschlossen. Dieses Privileg genießen in Pucará nur drei Haushalte. Dennoch ist der Auffangbehälter für die Abwässer schon voll und läuft über. Da hat sich eine Nichtregierungsorganisation einige Dollar dazuverdient mit einer ziemlich unsinnigen, weil schlecht gemachten und vermutlich nicht gut ge- und bedachten sogenannten Hilfe...) Daneben steht eine alte Latrine, die von meinen Gasteltern genutzt wird. Diese Latrine besteht aus einer Art Fachwerk: Ein Holzgerüst, das mit Steinen und Lehm aufgefüllt wurde. Daneben, in ebendieser Bauweise errichtet, steht eine Mischung aus Abstellkammer und Küche. Werkzeuge und dergleichen werden dort gelagert, Meerschweinchen gehalten – cuy ist eine ecuadorianische Spezialität! – und irgendwas wird dort ständig gekocht. Gegenüber befindet sich die eigentliche Küche samt Esszimmer. Auch ein Holz-Lehm-Gebilde, das zusätzlich mit Plastikfolie ausgekleidet ist. Der Fußboden hat den Namen nicht wirklich verdient: Im Lauf der Jahre hat sich der Lehmboden festgelaufen. Die Küche ist ein ziemlich finsteres Loch: Fenster gibt es nicht. Dazu kommt, dass die Raumhöhe ungefähr einen Meter sechzig beträgt. Meine Gasteltern könnten hier vielleicht Seilspringen, wenn sie wollten – bei Vicente und mir sieht es da schlecht aus. Die Küche wird von Hühnern und Küken bewohnt. Das Mobiliar, ein Esstisch mit ein sechs Stühle, haben die Möbelsöhne mitgebracht. Zwischen den beiden Küchen steht ein Betonblock: Rechts und links mit Waschbrett versehen, in der Mitte mit einem Wasserbecken. Hier wird gespült, gewaschen (Essen, Kleidung, Fahrräder, Hühnereingeweide und Princesa, der Hund von Peter) und geratscht. (Entgegen meiner Vermutung ist das »moderne« Betonhaus das älteste Gebäude; die Lehmhütten sehen aufgrund der verwendeten Materialien ziemlich dürftig aus und werden immer wieder renoviert.)

Vicente hat seit dieser Woche keine Ferien mehr. Er wird täglich von einer camioneta nach Apuela gefahren, um dort in die zehnte Klasse zu gehen; dieser Service kostet ein paar Dollar im Monat. Doña Magdalena und ihr Mann gehen keiner bezahlten Arbeit nach. Don Manuel war Bauer und beschäftigt sich nach wie vor auf diesem Gebiet: Erntet mal Erbsen, mal Yucca und ist viel draußen unterwegs, während Doña Magdalena alles regelt, was mit dem Haushalt zu tun hat und nebenbei Taschen knüpft, die sie verkauft. Alle drei, vor allem jedoch die Eltern, sind sehr freundlich und es macht Spaß und bereitet mir Freude, mit ihnen zu plaudern. Und Doña Magdalena findet Gefallen daran, mich Kartoffeln schälen sowie Erbsen und Bohnen pulen zu lassen. Warum auch nicht?

Verglichen mit meiner Gastfamilie in Nicaragua, die man dort vielleicht zur verschwindend geringen Mittelschicht zählen könnte, ist meine jetzige Gastfamilie wirklich arm. Aber ein paar Dollar verdienen sie mit mir ja – und für alles Andere gibt es den Garten hinter der Küche, in dem Gemüse und Kräuter zu finden sind. Und für mich ist es eine neue Erfahrung, die mir sicherlich nicht schadet und bisher sogar gut gefällt! (Auch wenn die Beschreibung des Hauses mitunter etwas bissig klingen mag, fühle ich mich doch sehr wohl hier und kann mich über nichts beklagen, abgesehen von den enorm großen Portionen, die mir dreimal am Tag auf meinen Teller geladen werden, doch dazu bald mehr.)

Bemerkenswert – und nachvollziehbar – finde ich, wie sich in Pucará alle Menschen aus dem eigenen Garten ernähren. Alle bauen auf dem kleinen Grund, den sie besitzen, Nahrungsmittel an: Kartoffeln, Salat, Erbsen, Bohnen, Karotten und melloco, eine Art Kartoffel, nur kleiner und gelb, sind sozusagen der Standard. Andere, die mehr Platz haben, können auch Orangen, Bananen, Zitronen und deren geschmacklose Verwandte, die lima ernten, außerdem Ananas, naranjilla, guyaba, Pithaya, Brombeeren und andere Früchte mehr. Weniger nachvollziehbar ist für mich die Tatsache, dass dennoch der Reis die Basis jeder Mahlzeit ist – dabei muss der zwangsläufig gekauft werden, weil er hier oben, in diesem Terrain und in den kleinen Gärten nicht angebaut werden kann. Auch Fleisch wird in der Regel dazugekauft, da nur die wenigsten über Kühe oder Schweine verfügen, die meisten aber Meerschweinchen und/oder Hühner besitzen.

Und wo ich schon beim Essen bin: Gut schmeckt's! (Das allermeiste jedenfalls...) Grundsätzlich gibt es Reis, der hier, wie in Deutschland, in Wasser gekocht wird und nicht, wie in Nicaragua in Öl. Dazu gibt es oft Erbsen oder Bohnen und ein Stück Fleisch und ein Spiegelei. Zumindest mittags, aber ab und zu auch abends, gibt es vor dem Reis plus X noch eine Suppe. In der schwimmen meistens Reis und ein paar Kartoffelstücke; dazu wird häufig Popcorn – palomitas – gereicht, das sozusagen die Backerbsen ersetzt. Einen Nachtisch gibt es nie, aber hin und wieder werden als Salat ein paar Stücke Papaya kredenzt. Zum Frühstück gibt es für mich immer ein Ei und irgendeine Teigware – empanadas oder tortillas. Für den Rest der Familie sieht das nicht anders aus, allein es fehlt das Ei.

Mir fehlt es an weiteren Dingen, von denen ich berichten oder die ich beschreiben möchte und euch sicherlich an Zeit, noch mehr zu lesen.
Pues, que la pasen muy bien, y hasta la próxima – chao!

lunes, 30 de agosto de 2010

Into the Wild

AUS FEHLERN LERNE man, heißt es so oft. Ich glaube momentan nicht so ganz an diese Weisheit – weil ich an mir beobachten kann, dass dem nicht unbedingt so ist! Doch dazu nur kurz: Nachdem ich in Nicaragua stolze acht (oder zehn?) Kilo zugenommen hatte, habe ich mich von Chrissie zu einer Wette hinreißen lassen, die das Gewicht beziehungsweise dessen (also meine!) Zunahme betrifft. Blöd daran: Dass ich sicherlich keine Diät einlegen werde und die Wette somit bestimmt verliere...

Inzwischen lebe ich in Pucará. Dieses Dorf liegt knapp fünfzig Kilometer und somit beinahe drei Stunden westlich von Otavalo, auf etwa zweitausend y pico Metern über Normalnull. Die Angaben zur Einwohnerzahl variieren: Ich habe inzwischen Zahlen von fünfzig bis dreihundert gehört und gelesen. Fest steht auf jeden Fall, dass hier nicht viel los ist! Lohnarbeit gibt es – abgesehen von den zwei Lädchen und Gelegenheitsjobs – nicht, und auch sonst scheint es nicht viel Beschäftigung zu geben. Wer nicht auf dem Feld arbeitet oder Erbsen aus den Hülsen pult oder kocht oder einen Zaun repariert, macht eben nichts. Die Menschen hier haben Zeit: Gespräche ziehen sich oft in die Länge, auch wenn es nichts zu besprechen gibt – die Pausen dauern eben so lange!

Die Elektrizität habe Pucará vor rund vierzehn Jahren erreicht, sagte man mir. Seitdem gibt es immerhin elektrisches Licht. (Und Fernseher und Radios.) Die Straße, auf der der Bus von Otavalo kommend, also bergab fahrend, für die knapp fünfzig Kilometer nach Apuela beinahe drei Stunden benötigt, existiert auch erst seit rund zwanzig Jahren: Davor verband lediglich ein Trampelpfad, der breit genug war für schwer bepackte Pferde, die Intag-Region mit der Außenwelt. Am längsten gibt es fließend Wasser, wenn ich den Informationen, die ich von meiner Gastmutter bekommen habe, Vertrauen schenken kann.

Am ersten Abend, donnerstags, habe ich mit ein paar Jugendlichen Backsteine für einen Unterstand von einem Laster abgeladen. Danach, auf dem kurzen Weg zum Haus, wurde ich von ein paar Herren gerufen: Ich solle mich doch zu ihnen setzen. Gesagt – getan. Ich habe ihnen beim Erbsenschälen geholfen und dafür ein selbstgebranntes Destillat gereicht bekommen. Das war zwar nicht ganz nach meinem Geschmack, aber solche Einladungen kann und sollte man nicht ablehnen, wenn man nicht gleich als unhöflich und abweisend in Verruf geraten möchte.

Am zweiten Tag bin ich nach Apuela spaziert. Das ist das nächste Dorf, zu Fuß in ziemlich genau einer Stunde zu erreichen, und der Treff- und Sammelpunkt für die Region, in der ich nun lebe: Apuela besteht zwar nur aus einigen wenigen Häusern und hat vielleicht ein paar hundert Einwohner, möglicherweise sogar tausend. Aber der Ort ist nicht nur Sitz einiger Nichtregierungs- und Umweltschutzorganisationen, sondern auch sonntäglicher Marktplatz. Jeden Sonntag treffen dort die Menschen aus der Gegend ein, um die Dinge einzukaufen, die sie nicht selbst anbauen oder herstellen können. Für mich stellt Apuela auch die einzige schnell erreichbare Möglichkeit, Kontakt zur Außenwelt herzustellen, dar: Hier gibt es im Gegensatz zu Pucará Internet...

Am Samstag spazierte ich im Dunkeln in die andere Richtung: In Santa Rosa fanden die Miss-Wahlen statt. Im Bus hatte sich die Strecke von Santa Rosa nach Pucará sehr kurz angefühlt, zu Fuß war ich dann aber doch mehr als eine Stunde unterwegs. Ohne Straßenbeleuchtung. Ohne Orientierung. Nicht sicher, ob ich auf dem richtigen Weg war – dabei gibt es nur eine Straße, die teilweise gepflastert, meistens aber aus Sand und viel, viel Staub ist. Ohne zu wissen, wie viele Minuten oder Stunden ich noch laufen müsste. Aber ich hatte einem Mitarbeiter einer Nichtregierungsorganisation in Apuela versprochen, vorbeizukommen! Schließlich kam ich also an, die fiesta hatte noch nicht begonnen, und traf sogar eine Kollegin in Santa Rosa: Nora. Sie ist auch mit YAP in Ecuador und arbeitet in Apuela. Die elecciones de la reina waren amüsant – vier Kandidatinnen standen zur Wahl, tanzten und beantworteten Fragen. (¿Cuál persona es la que más admira? – ¡A Dios y a mis padres!) Der Abend wurde länger, meine Favoritin zur neuen reina erkoren, die Bierflaschen in rasendem Tempo herumgereicht: Hier teilt man. Alles. Zigaretten wandern im Kreis, und ebenso das Bier oder was man sonst so anzubieten hat. Glücklicherweise konnte ich auf einer camioneta nach Pucará fahren, wo ich am Sonntag ziemlich verkatert aufwachte.

Ich traf mich mit Peter Shear, meinem Chef, fuhr mit ihm nach Apuela, sah mir kurz das bunte Treiben an, das wirklich beeindruckend war, weil es die Straßen Apuelas, die ich noch zwei Tage vorher wie tot aufgefunden hatte, belebte, also ob es kein Morgen gäbe. Im Anschluss konnte ich dann endlich die Projekte kennenlernen, die hier im Laufe der Zeit entstanden sind. Dazu aber bald mehr.

Ich bin nun guter Dinge, dass die Monate – neun oder zehn werden es hier sein – gut werden. Nach einem anfänglichen Schrecken – »Mit wem soll ich denn hier reden? Was machen?« – habe ich inzwischen den Eindruck, dass es erstens viele nette und interessante (und meistens ziemlich betagte) Menschen, zu denen ich mich immer gerne setzen kann, um ein bisschen über Gott und die Welt zu sprechen, und zweitens durchaus genügend Arbeit gibt, sodass ich mich über Langeweile nicht beklagen werden muss!

Unübersehbar – und daher nach wenigen Tagen schon wieder fast normal – ist der krasse Gegensatz, den die ländliche Gegend zu Quito darstellt: Dort gab es Fast-Food-Restaurants und Supermärkte, sah ich Joggerinnen und Jogger in Parks und in Anzug und Krawatte gekleidete Geschäftsmänner. Von alledem hier keine Spur. Viele Menschen betteln oder sehen so aus, als ob das ihre nächste Station wäre auf dem Weg nach unten. Quito war, ich habe dafür keinen anderen Ausdruck, sehr europäisch. Jetzt bin ich in der sogenannten Dritten Welt angekommen.

Bald werde ich etwas über meine erste Gastfamilie schreiben. Bis dahin wünsche ich euch alles Gute!
Saludos desde Apuela!

(Jonás, tal vez tengas más suerte la próxima vez! Suerte contra Freiburg!)

miércoles, 25 de agosto de 2010

Einführungsseminar

DIE BAÑOS TERMALES von Chachimbiro, nordöstlich von Ibarra gelegen, boten von Montag bis Mittwoch Platz für knapp zwanzig Freiwillige, die wie ich mit YAP in Ecuador sind.

Am Montag fuhren wir gemeinsam in Otavalo los – auf der Ladefläche eines alten Lasters ging es durch Täler und Serpentinen, über Schlaglöcher und Schotterpisten nach Chachimbiro. Dort sprudeln heiße Quellen aus dem Berg und versorgen die Kuranlage, die im Laufe der letzten Jahre dort entstanden ist, mit dem nötigen Wasser: Planschbecken mit Wassertemperaturen bis über fünfzig Grad Celsius und türkische Bäder laden dort zum Entspannen (und Verbrennen) ein.

Der eigentliche Seminarteil hätte auch an einem einzigen Vormittag stattfinden können: Letzte essenzielle Informationen zur Finanzierung des Freiwilligendienstes standen ebenso auf dem Plan wie Hinweise zu den Besonderheiten der ecuadorianischen Kultur. Stephi und Sophie, zwei ehemalige YAP-Freiwillige, leiteten das Seminar, später kamen noch Stephis Freund Darwin und dessen jüngerer Bruder Oscar dazu – die beiden hatten geschätzte vierunddreißig Instrumente dabei, mit denen in den Abendstunden improvisiert wurde: Von Gassenhauern unserer (nicht selten: Un-)Kultur bis zu regionalen Spezialitäten der hiesigen indianischen Musikszene gab es ziemlich alles. Bei Vollmond, Stromausfall, heißen Quellen und nachtschwarzen gestrüppbewachsenen Steilhängen um uns herum war das durchaus ein Erlebnis!

Bei neunzehn Freiwilligen ist es normal, dass nicht alle miteinander kompatibel waren. Grüppchenbildung und kleinere Unstimmigkeiten standen nicht an der Tagesordnung, aber ebenfalls auf dem Programm. Die gute Stimmung und die Gespräche mit sympathischen und gleichgesinnten Menschen überwiegen jedoch.

Heute, Mittwoch, kamen wir wieder nach Otavalo. Hier stand ein spannendes Treffen an: Ich habe Peter kennengelernt, den Koordinator des Projektes, in dem ich arbeiten werde! Recht viel schlauer als zuvor bin ich zwar noch nicht, aber durchaus positiv und optimistisch gestimmt: Eine »richtige« Einweisung werde ich am Samstag und Sonntag bekommen, vor Ort in Pucará, dem Zweihundertseelendorf, in dem ich leben und arbeiten werde.

Kern der Projekte dort ist die Spanischschule: Ausländer, vermutlich vor allem US-Amerikanerinnen und -Amerikaner, fahren nach Pucará, um ihre Spanischkenntnisse aufzubessern und bekommen die Gelegenheit, ihren Schulbesuch mit der Arbeit in sozialen Projekten zu garnieren. Mit der Spanischschule werde ich hoffentlich wenig zu tun haben: Den Alltag von Sprachschultouristen möchte ich nicht planen. Stattdessen hoffe ich, mich an den praktischeren Arbeiten beteiligen zu können: In der Vergangenheit wurden beispielsweise Häuser gebaut, die aus selbstgebrannten Ziegeln bestehen, über eine Sickergrube und eine Biogasaufbereitungsanlage verfügen und somit weitgehend autark sind und auch weitere Abholzung für die Brennholzgewinnung verhindern. Momentan läuft auch in Pucará ein Wiederaufforstungsprogramm an, das vom Umweltministerium Ecuadors subventioniert wird. Was sonst noch gemacht wird oder werden muss – das werde ich spätestens ab Samstag sehen!

Morgen werde ich nach Pucará fahren und erstmals sehen, wo ich im nächsten Monat wohnen werde. Während ich in Pucará arbeite, werde ich monatlich meine Gastfamilie wechseln, damit nicht eine Familie über den gesamten Zeitraum quasi ein zusätzliches Gehalt hat, sondern einige Familien eine weder unerhebliche noch übertriebene Unterstützung empfangen. Internet werde ich von Pucará aus voraussichtlich wenig bis gar nicht haben – eine Anschrift möglicherweise auch nicht. Dennoch: Mehr Infos folgen bald!

viernes, 20 de agosto de 2010

Noch mehr Quito

EIN PAAR EINDRÜCKE von der Hauptstadt Ecuadors konnte ich die Tage noch sammeln. Gerade komme ich beispielsweise aus dem barrio Guápulo, das sich am östlichen Rand Quitos die steilen Hänge entlang ins Tal zieht. Kleine, bunte Häuser sind dort zu sehen, viele Kneipen und Cafés – man sagt, dass dort sehr viele Ausländer leben, die sich dort ein schönes Leben machen. Der Unterschied zwischen dem Mariscal-Viertel und Guápulo könnte viel größer nicht sein: Hier die großen Avenidas mit Bussen, Taxis und viel Lärm, dort die kleinen, kurvigen Straßen, die sich ins Tal schlängeln und kaum befahren sind. Hier die Hochhäuser, die dichte Bebauung, dort die Häuschen mit Aussicht ins Tal und Garten. Hier der Puls der Großstadt, dort die Gelassenheit eines lateinamerikanischen Bergdorfes...

Nachher werden wir mit Michele, dem Chef der Nichtregierungsorganisation, in deren Wohnung wir wohnen, Wein trinken und zu Abend essen. Morgen früh wird es dann nach Otavalo gehen. Ob im Bus oder mit einem Bekannten von Enrique in dessen Auto – das weiß ich noch nicht. Ab Montag findet in den Chachimbiro-Thermen das Einführungsseminar statt für die Freiwillgen von YAP. Am nächsten Wochenende werde ich dann erstmals nach Pucará kommen und endlich erfahren, was genau meine Arbeit sein wird!

Bevor es soweit ist, noch ein paar Worte zu den letzten Tagen, die ich nutzen konnte, um Quito ein wenig besser kennenzulernen.

Zunächst stand die Altstadt auf dem Programm: Mit Enrique habe ich mir zunächst die Basilika angesehen, eine große und angenehm dunkle Kirche, deren beide Türme die Altstadt zu überwachen scheinen. Es folgte die Barockkirche Compañía de Jesús an: Von außen zwar reichlich verziert mit Steinmetzarbeiten fügt sie sich dennoch unscheinbar in die Häuserzeile ein. Von innen jedoch ist sie komplett mit Blattgold ausgekleidet, leuchtet förmlich und wirkt sehr beeindruckend! Im Anschluss sind wir ein wenig durch die Altstadt geschlendert, haben uns die calle La Ronda angesehen, die älteste Straße Quitos und wollten auf den Panecillo laufen, einen Hügel südlich der Altstadt, auf dem eine Marienstatue steht und auf die Stadt blickt. Nachdem uns jedoch vielfach davon abgeraten wurde, dorthin zu laufen, entschieden wir uns für die kurze Taxifahrt, um nicht überfallen und ausgeraubt zu werden – muss ja nicht sein, sowas! Die Aussicht vom Panecillo aus auf die Stadt ist beeindruckend. Trotz der etwas dunstigen Luft, die das Panorama bisweilen etwas blass wirken lässt.

Am Folgetag waren wir im Mercado Santa Clara. Der liegt an der Calle Versalles, westlich des barrios La Mariscal. Wie eine große Lagerhalle sieht sieht er aus, nicht sonderlich einladend also und alles Andere als spektakulär. Das ändert sich auch beim Betreten des Marktes nicht wesentlich: Der Innenraum wird von Gassen durchdrungen, an denen sich ein Stand an den anderen reiht; ein Teil der Halle ist für Obst reserviert, einer für Gemüse, einer für Fleisch, außerdem gibt es Kleidung, Elektronik und sehr viel scheinbar Unbrauchbares für den Haushalt. Die Obst- und Gemüsestände gleichen sich sehr, das Angebot scheint überall das gleiche zu sein – hat es dafür, zumindest farblich, in sich: Leuchtende Farben, grün, rot, gelb, pink und alles, was dazwischen zu finden ist im Farbspektrum, machen die Markthalle zu einer Art farbenfrohem Kunstwerk! Die meist kleinen und alten Verkäuferinnen mit ihren traditionellen Hüten und Schürzen erklären freudig und ausführlich, welches Obst wie verzehrt wird, und wie man welches Gemüse zubereitet.

Ganz anders als bei den Marktfrauen geht es in der Uni zu: Dort habe ich mir zunächst zwei Veranstaltungen – Architekturkritik und Ethik – in der Architekturfakultät angesehen. Das war interessant, weil ziemlich anders als ich das gewöhnt bin: Die Studierenden sind jünger als bei uns, und die Veranstaltungen verlaufen wie in der Schule. Später waren Chrissie und ich noch beim Treffen des Andinistenvereins der Uni: Auch dort war zu sehen, dass die, die studieren nicht dem Durschnittsecuadorianer entsprechen: Einer von den Hobby-Bergsteigern hat von seinem kurzen Aufenthalt in North Carolina vergangene Woche erzählt, wo er – mal eben so – zum Klettern war. Bei bis zu viertausend Dollar, die diese Universität – die Pontífica Universidad Católica del Ecuador – pro Semester verlangt, ist das aber auch nicht so sehr verwunderlich... (Abhängig von der finanziellen Situation der Studierenden variieren die Studiengebühren zwischen eintausendfünfhundert und viertausend Dollars.)

Soviel für heute. Alles Gute, viele Grüße – adiós!