SEIT FÜNF MONATEN bin ich gesund – nachdem ich mich bis Anfang des Jahres ziemlich häufig über meinen Gesundheitszustand beklagt habe. Woran das genau liegt, weiß ich nicht. Ich vermute einen gewissen Gewöhnungsprozess hinter der »Heilung«. Bestimmte Parasiten können meinem Verdauungstrakt einfach nicht mehr so viel anhaben, wie zu Beginn meines Aufenthaltes in Ecuador.
Über die Tatsache, dass ich seit einiger Zeit keinen Grund mehr bekommen habe, mich über meine Gesundheit zu beschweren, bin ich glücklich. Denn besonders amüsant war es nicht, hier krank zu werden: Obwohl ich nie etwas Ernsthaftes bekommen habe hier – oder ist eine Darmentzündung etwas Ernstes? –, konnte ich mich im Krankheitsfall nie so richtig entspannen. Das lag zum Einen daran, dass im Grunde in jeder Mahlzeit neue Herausforderungen für meinen Verdauungstrakt gewartet haben, zum Anderen war es sehr anstrengend, pausenlos den Interpretationen der diversen Gastfamilien zuhören zu müssen.
Mal war in angeblich krank, weil ich abends noch eine Avocado gegessen hatte. Mal hatte ich mir mal aire (wörtlich übersetzt heißt das »schlechte Luft« und bedeutet etwa böse Geister) eingefangen. Die gängigste Heilungsmethode: Die Säuberung mit rohen Eiern. Dabei werden rohe Eier am Körper gerieben – und nehmen dabei dem Vernehmen nach die bösen Geister, die schlechten Energien auf. Tatsächlich hörten sich die Eier im Nachhinein oft anders an als im Voraus, klangen, als ob sie mit Wasser gefüllt gewesen wären: Angeblich waren sie wegen der bösen Geister verschimmelt... Geholfen hat mir Eiertherapie allerdings nie – obwohl ich mich zumindest am Anfang bereitwillig auf die ungewohnte Behandlung eingelassen hatte und den traditionellen Heilmitteln vertraute.
In Ecuador ist der Glaube an mal aire sehr verbreitet, und Eier werden häufig zur Heilung eingesetzt. Was mich allerdings beim Anblick der ländlichen Krankenhäuser auch nicht verwundert: Regionalen Krankenhäusern sind Centros de Salud (Gesundheitszentren) und Sub Centros de Salud untergeordnet. In Apuela gibt es ein Sub Centro, in dem per Definition kaum Behandlungen durchgeführt werden dürfen: Operationen und diverse Tests (Blut-, Urin- und Stuhlproben zum Beispiel) können in einem Sub Centro nicht vorgenommen werden.
Auch Röntgenaufnahmen oder Ultraschall können in Apuela nicht durchgeführt werden. Was dazu führt, dass sich die Kompetenzen der Ärzte im Sub Centro im Grunde auf das Verschreiben von Tabletten beschränken. Wobei diese Tabletten nicht immer die richtigen sind – ohne weitere Untersuchungen kann oftmals nicht genau festgestellt werden, an was die Patientin oder der Patient überhaupt leidet.
Anstatt also Stunden im Wartezimmer zu verbringen auf die Gefahr hin, am Ende nicht ausreichend untersucht zu werden, greifen viele Menschen sofort auf uralte Traditionen zurück und versuchen, sich mit rohen Eiern zu heilen. Und ich wähne mich glücklich, dass es mir seit einiger Zeit gut geht und ich daher auf keine der beiden in meinen Augen fragwürdigen Heilmethoden mehr angewiesen bin!
miércoles, 11 de mayo de 2011
domingo, 8 de mayo de 2011
Marsch, Marsch
NACH ELF STUNDEN kamen wir endlich in Otavalo an. Und ich hatte mein Vorhaben, von Íntag nach Otavalo zu laufen, endlich in die Tat umgesetzt. Zusammen mit Florian, einem deutschen Freiwilligen, der bei Otavalo arbeitet, bin ich am Samstagmorgen um halb drei in Pucará aufgebrochen. Mit meinen löchrigen Schuhen, einer Taschenlampe zum Ankurbeln, drei Flaschen Wasser und einigen Äpfeln traten wir die Wanderung an: Knapp sechzig Kilometer lagen vor uns. Wir starteten auf etwa zweitausend Metern über Normal Null, sollten bis auf dreitausendvierhunder Meter steigen, um dann schließlich auf rund zweieinhalbtausend Metern anzukommen. Ein ordentlicher Marsch lag vor uns, dessen waren wir uns bewusst.
Die ersten drei Stunden verliefen nicht nur angenehm, sie kamen uns auch sehr kurz vor: Keine Ermüdungserscheinungen, dazu angenehme Temperaturen und die Gewissheit, dass wir auch nach zwei Stunden stetiger Steigung noch keine Abstriche im Tempo machen mussten.
Wetter und Vegetation waren sehr abwechslungsreich. Wir liefen im Nebel los, sahen nach einer Weile den Sternenhimmel, bevor wir kurz vor Sonnenaufgang erneut in dichtesten Nebel eintauchten. Am Wegesrand waren eingangs Maisfelder zu sehen, später nahm dichter Regenwald deren Stelle ein; riesige Blätter wuchsen rechts und links des Weges, Lianen hingen von moosbewachsenen Bäumen. In höheren Lagen waren nur noch ein paar Sträucher und hohes Gras zu sehen, außerdem konnte sich die Sonne immer mehr gegen die Wolken durchsetzen. Und schließlich, nach fünfeinhalb Stunden, erblickten wir erstmals Otavalo. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir knapp vierzig Kilometer zurückgelegt und legten die erste Pause ein. Bei stürmischem Wind - das Weideland unterhalb des Passes, den wir soeben passiert hatten, bot kaum Windschutz - erholten wir uns einen Augenblick. Diese Pause sollte sich rächen: Es fiel mir sehr schwer, wieder in Tritt zu kommen. Die Beine taten jetzt weh, nachdem sie abgekühlt waren, und es sollte einige Minuten dauern, bis ich wieder rund lief. Zwei Stunden später, nach etwa fünfzig Kilometern, legten wir dennoch eine weitere Pause ein: Irgendwie mussten wir Zucker aufnehmen und kurz verschnaufen. Immerhin waren wir schon nahe am Zementwerk der Firma La Farge, das bereits an der Teerstraße nach Otavalo liegt - viel sollte also nicht mehr fehlen.
Doch die zweite Pause hatte mich völlig erledigt. (Während Florian nur bis zur ersten Pause, die ich nicht gebraucht hätte, gelitten hatte, und sich seit dem besser fühlte.) Die Blase zwischen meinen Zehen war nicht weiter schlimm, aber meine Leiste meldete sich bei jedem Schritt, und meine Fußsohlen brannten. Die Teerstraße kam und kam nicht näher, und besonders viel Spaß machte die Wanderung inzwischen nicht mehr. Immerhin: Wir lagen sehr gut in der Zeit.
Die letzten fünf oder sechs Kilometer ging es dann über die Teerstraße. Die Stadt war lange zu sehen, doch stets fehlten noch Kilometer oder einige hundert Meter. Aber wir kämpften: So kurz vor dem Ziel konnten wir nicht aufgeben! Und schließlich, um kurz nach zwei, kamen wir im Ort an. Wir gönnten uns ein Eis im Eiscafé und humpelten zur Wohnung von Cielo Azul, Flos Partnerorganisation.
Nachdem ich mich eine Weile ausgeruht hatte, konnte ich mich dann gar nicht mehr bewegen; mein linkes Bein war nicht mehr zu gebrauchen. Die folgende Nacht sollte allderdings Wunder wirken; in meinem rechten Bein spüre ich die Folgen der Wanderung gar nicht, das linke ist schon viel besser als gestern.
Den Imbabura werde ich vermutlich nicht besteigen: Das war ursprünglich vor morgen angedacht, aber das werde ich mir nicht antun. Ob ich den Berg nächste Woche besteige, ist noch unklar - vor allem möchte ich ans Meer fahren und meine Zeit in Ecuador ganz in Ruhe ausklingen lassen...
Die ersten drei Stunden verliefen nicht nur angenehm, sie kamen uns auch sehr kurz vor: Keine Ermüdungserscheinungen, dazu angenehme Temperaturen und die Gewissheit, dass wir auch nach zwei Stunden stetiger Steigung noch keine Abstriche im Tempo machen mussten.
Wetter und Vegetation waren sehr abwechslungsreich. Wir liefen im Nebel los, sahen nach einer Weile den Sternenhimmel, bevor wir kurz vor Sonnenaufgang erneut in dichtesten Nebel eintauchten. Am Wegesrand waren eingangs Maisfelder zu sehen, später nahm dichter Regenwald deren Stelle ein; riesige Blätter wuchsen rechts und links des Weges, Lianen hingen von moosbewachsenen Bäumen. In höheren Lagen waren nur noch ein paar Sträucher und hohes Gras zu sehen, außerdem konnte sich die Sonne immer mehr gegen die Wolken durchsetzen. Und schließlich, nach fünfeinhalb Stunden, erblickten wir erstmals Otavalo. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir knapp vierzig Kilometer zurückgelegt und legten die erste Pause ein. Bei stürmischem Wind - das Weideland unterhalb des Passes, den wir soeben passiert hatten, bot kaum Windschutz - erholten wir uns einen Augenblick. Diese Pause sollte sich rächen: Es fiel mir sehr schwer, wieder in Tritt zu kommen. Die Beine taten jetzt weh, nachdem sie abgekühlt waren, und es sollte einige Minuten dauern, bis ich wieder rund lief. Zwei Stunden später, nach etwa fünfzig Kilometern, legten wir dennoch eine weitere Pause ein: Irgendwie mussten wir Zucker aufnehmen und kurz verschnaufen. Immerhin waren wir schon nahe am Zementwerk der Firma La Farge, das bereits an der Teerstraße nach Otavalo liegt - viel sollte also nicht mehr fehlen.
Doch die zweite Pause hatte mich völlig erledigt. (Während Florian nur bis zur ersten Pause, die ich nicht gebraucht hätte, gelitten hatte, und sich seit dem besser fühlte.) Die Blase zwischen meinen Zehen war nicht weiter schlimm, aber meine Leiste meldete sich bei jedem Schritt, und meine Fußsohlen brannten. Die Teerstraße kam und kam nicht näher, und besonders viel Spaß machte die Wanderung inzwischen nicht mehr. Immerhin: Wir lagen sehr gut in der Zeit.
Die letzten fünf oder sechs Kilometer ging es dann über die Teerstraße. Die Stadt war lange zu sehen, doch stets fehlten noch Kilometer oder einige hundert Meter. Aber wir kämpften: So kurz vor dem Ziel konnten wir nicht aufgeben! Und schließlich, um kurz nach zwei, kamen wir im Ort an. Wir gönnten uns ein Eis im Eiscafé und humpelten zur Wohnung von Cielo Azul, Flos Partnerorganisation.
Nachdem ich mich eine Weile ausgeruht hatte, konnte ich mich dann gar nicht mehr bewegen; mein linkes Bein war nicht mehr zu gebrauchen. Die folgende Nacht sollte allderdings Wunder wirken; in meinem rechten Bein spüre ich die Folgen der Wanderung gar nicht, das linke ist schon viel besser als gestern.
Den Imbabura werde ich vermutlich nicht besteigen: Das war ursprünglich vor morgen angedacht, aber das werde ich mir nicht antun. Ob ich den Berg nächste Woche besteige, ist noch unklar - vor allem möchte ich ans Meer fahren und meine Zeit in Ecuador ganz in Ruhe ausklingen lassen...
viernes, 6 de mayo de 2011
Alkoholbedingter Lehrermangel
MAN NIMMT AN, dass Lehrerinnen und Lehrer den Schulkindern als Vorbilder dienen. Dem ist in Pucará nicht so. Immer wieder höre ich von einem Lehrer, der bis vor kurzem einen der beiden Lehrerposten bekleidete und bei dem es einige Kinder bis zum Ende der Grundschule geschaffte haben – ohne lesen oder schreiben zu können. Die Mathematik scheint nicht nur bei ihm kaum eine Rolle zu spielen: Das erstaunt mich bei der Art und Weise, wie den Kindern hier das Rechnen beigebracht werden soll, aber auch nicht: Textaufgaben, die irgendeinen Bezug zur Praxis, zum Alltag herstellen könnten, gibt es gar nicht. Stattdessen werden unsinnige Zahlen im zehnstelligen Bereich dividiert. Wobei das schon ein großer Fortschritt ist – beim letzten Lehrer wurde im Mathematikunterricht gar nichts gelernt.
Können Kinder und Eltern in Pucará also auf eine Verbesserung des Unterrichts in der Grundschule hoffen? Es schien bis vor Kurzem so. Als ich aber vor einer Woche am Straßenrand stand, um mit dem Bus, der um kurz vor um sieben Uhr am Morgen Pucará passiert, nach Otavalo zu fahren. Zu dieser Zeit sollte der Unterricht in der Schule beginnen. Das Auto von Paúl, dem Lehrer, stand bereits vor der Schule. Doch der Lehrer war nicht, wie ich vermutet hatte, im Klassenraum: Als ich wieder zur Schule blickte, fuhr der blaue Kleinwagen in Richtung Dorfzentrum – und musste auf diesem Weg auch an mir vorbeifahren. Weshalb der Lehrer so langsam unterwegs war, erklärte sich auch nach kurzer Verwunderung von alleine: Als der Lehrer mir eine (in diesem Fall) halbleere Bierflasche reichte und mich aufforderte, einen Schluck zu nehmen. Mit im Auto: Ein Kasten Bier und zwei Freunde, mindestens so betrunken wie der Lehrer.
Als Paúl dann losfuhr und etwas davon lallte, dass er nun nach Otavalo fahren wolle, hoffte ich im Stillen, dass er dort nicht planmäßig, sondern im Notartwagen ankommen würde, damit er etwas daraus lernen könnte. Den Lehrer habe ich seitdem nicht mehr gesehen, aber es scheint auf seiner Fahrt nichts passiert zu sein – das hätte man in Pucará erfahren. Das Ende vom Lied war jedenfalls, dass der Unterricht ausfiel an diesem Freitag.
Das ist zwar Routine hier, da die meisten Lehrkörper bereits am Donnerstag nach Otavalo aufbrechen – doch in der Regel gibt es dafür immer irgendwelche Ausreden, wie die Teilnahme an einer Fortbildung für Lehrerinnen und Lehrer oder irgendwelche Besuche im Bildungsministerium oder bei anderen Behörden. Dieses Mal erfuhr schnell das gesamte Dorf, welchen Umständen der neuerliche Unterrichtsausfall geschuldet war. Auf die Barrikaden ging trotzdem niemand: Der Lehrer habe sowieso nur einen Vertrag auf Zeit und würde seine Zelte bald abbrechen. Wer ihn ersetzt wird, steht bereits fest: Eine junge Lehrerin wird bald in Pucará tätig werden und die aktuelle Direktorin der Schule bei dieser Gelegenheit ersetzen. Bleibt zu hoffen, dass sich dann endlich etwas tut in der Schule von Pucará!
Können Kinder und Eltern in Pucará also auf eine Verbesserung des Unterrichts in der Grundschule hoffen? Es schien bis vor Kurzem so. Als ich aber vor einer Woche am Straßenrand stand, um mit dem Bus, der um kurz vor um sieben Uhr am Morgen Pucará passiert, nach Otavalo zu fahren. Zu dieser Zeit sollte der Unterricht in der Schule beginnen. Das Auto von Paúl, dem Lehrer, stand bereits vor der Schule. Doch der Lehrer war nicht, wie ich vermutet hatte, im Klassenraum: Als ich wieder zur Schule blickte, fuhr der blaue Kleinwagen in Richtung Dorfzentrum – und musste auf diesem Weg auch an mir vorbeifahren. Weshalb der Lehrer so langsam unterwegs war, erklärte sich auch nach kurzer Verwunderung von alleine: Als der Lehrer mir eine (in diesem Fall) halbleere Bierflasche reichte und mich aufforderte, einen Schluck zu nehmen. Mit im Auto: Ein Kasten Bier und zwei Freunde, mindestens so betrunken wie der Lehrer.
Als Paúl dann losfuhr und etwas davon lallte, dass er nun nach Otavalo fahren wolle, hoffte ich im Stillen, dass er dort nicht planmäßig, sondern im Notartwagen ankommen würde, damit er etwas daraus lernen könnte. Den Lehrer habe ich seitdem nicht mehr gesehen, aber es scheint auf seiner Fahrt nichts passiert zu sein – das hätte man in Pucará erfahren. Das Ende vom Lied war jedenfalls, dass der Unterricht ausfiel an diesem Freitag.
Das ist zwar Routine hier, da die meisten Lehrkörper bereits am Donnerstag nach Otavalo aufbrechen – doch in der Regel gibt es dafür immer irgendwelche Ausreden, wie die Teilnahme an einer Fortbildung für Lehrerinnen und Lehrer oder irgendwelche Besuche im Bildungsministerium oder bei anderen Behörden. Dieses Mal erfuhr schnell das gesamte Dorf, welchen Umständen der neuerliche Unterrichtsausfall geschuldet war. Auf die Barrikaden ging trotzdem niemand: Der Lehrer habe sowieso nur einen Vertrag auf Zeit und würde seine Zelte bald abbrechen. Wer ihn ersetzt wird, steht bereits fest: Eine junge Lehrerin wird bald in Pucará tätig werden und die aktuelle Direktorin der Schule bei dieser Gelegenheit ersetzen. Bleibt zu hoffen, dass sich dann endlich etwas tut in der Schule von Pucará!
lunes, 2 de mayo de 2011
Aufbruchsstimmung
DIE DEUTSCHE MEISTERSCHAFT ist sicher. Über diese Tatsache bin ich sehr glücklich – und es stört mich ziemlich, dass ich in Ecuador bin, wo sich außer mir wohl niemand so richtig über den Gewinn der Meisterschaft freuen kann. Es ist schon sehr blöd, dass die Mannschaft von Borussia Dortmund die wahrscheinlich beste Saison seit Jahren, wenn nicht sogar Jahrzehnten, hinlegt, während ich in einem Land bin, in dem man von der Bundesliga nichts mitbekommt, wenn man sich nicht ausdrücklich dafür interessiert.
Hier in Pucará tut sich herzlich wenig, momentan. Ich habe von Sonntag bis Dienstag Besuch bekommen von Sebastian vom NicaNetz und dessen Bruder Tobias. Am Freitag fuhr ich nach Otavalo, um dort T-Shirts für die Spanischschule drucken zu lassen, und traf dort Inga, die mit YAP in Nicaragua gearbeitet hat und im Moment noch am Reisen ist. Die nächsten Tage werde ich wieder/weiterhin mit der Umfrage beschäftigt sein, mit der ich vor ein paar Wochen begonnen habe. Außerdem werden wir in der Zeitung ganz bald die nächste Zeitung fertigstellen, und die Círculos de Lectores–Teatreros stehen auch noch auf dem Programm.
Doch läuft mir jetzt langsam die Zeit davon – in einem Monat verlasse ich das Land, Íntag kehre ich schon in drei Wochen den Rücken zu. In dieser Zeit möchte ich noch zwei Dinge erledigen, die ich mir schon zu Beginn der Zeit hier vorgenommen habe: Einerseits möchte ich die sechzig Kilometer nach Otavalo zu Fuß zurücklegen; ohne schlechte Musik und schlechte Busluft. Andererseits möchte ich noch auf den Taita Imbabura steigen, der mit seinen rund viertausendsechshundert Metern Höhe eine ordentliche Wanderung verspricht.
Abgesehen von den beiden Wanderungen habe ich jedoch keinen Ehrgeiz mehr. Wozu auch: Was wir hier anbieten, wird von fast niemandem nachgefragt; dementsprechend gering ist die Begeisterung über meine Kernaufgaben, die Zeitung und die Aktivitäten mit den Kindern. Ein kleines Projekt habe ich noch in der Hinterhand, aber auch hier weiß ich nicht, ob es nicht an ecuadorianischer Trägheit (Faulheit?) scheitern wird.
Es wird Zeit, dass ich meine Zelte hier abbreche.
Noch ein keiner Nachtrag: Das Internet ist keineswegs überlebenswichtig. Solange klar ist, dass es keinen Zugang dazu gibt, fehlt es mir nicht. Aber wenn es theoretisch möglich ist, eine Internetverbindung zu haben, stört es mich doch sehr, wenn der schlechte Service von Internetprovidern eine Strich durch die Internetverbindung machen: In Íntag muss man derzeit Glück haben, um eMails empfangen oder gar Blogeinträge veröffentlichen zu können.
Und noch eine Ergänzung. Diesen Ausschnitt aus den Notifax, wöchentlich versandten Nachrichten aus und über Nicaragua, möchte ich euch nicht vorenthalten:
»Die Behörden meldeten, dass in der Semana Santa 66 Menschen den Tod gefunden haben. 24 von ihnen seien bei Diskussionen und Alkoholkonsum gewaltsam ums Leben gekommen.«
Das scheint mir eine interessante Diskussionskultur zu sein...
Hier in Pucará tut sich herzlich wenig, momentan. Ich habe von Sonntag bis Dienstag Besuch bekommen von Sebastian vom NicaNetz und dessen Bruder Tobias. Am Freitag fuhr ich nach Otavalo, um dort T-Shirts für die Spanischschule drucken zu lassen, und traf dort Inga, die mit YAP in Nicaragua gearbeitet hat und im Moment noch am Reisen ist. Die nächsten Tage werde ich wieder/weiterhin mit der Umfrage beschäftigt sein, mit der ich vor ein paar Wochen begonnen habe. Außerdem werden wir in der Zeitung ganz bald die nächste Zeitung fertigstellen, und die Círculos de Lectores–Teatreros stehen auch noch auf dem Programm.
Doch läuft mir jetzt langsam die Zeit davon – in einem Monat verlasse ich das Land, Íntag kehre ich schon in drei Wochen den Rücken zu. In dieser Zeit möchte ich noch zwei Dinge erledigen, die ich mir schon zu Beginn der Zeit hier vorgenommen habe: Einerseits möchte ich die sechzig Kilometer nach Otavalo zu Fuß zurücklegen; ohne schlechte Musik und schlechte Busluft. Andererseits möchte ich noch auf den Taita Imbabura steigen, der mit seinen rund viertausendsechshundert Metern Höhe eine ordentliche Wanderung verspricht.
Abgesehen von den beiden Wanderungen habe ich jedoch keinen Ehrgeiz mehr. Wozu auch: Was wir hier anbieten, wird von fast niemandem nachgefragt; dementsprechend gering ist die Begeisterung über meine Kernaufgaben, die Zeitung und die Aktivitäten mit den Kindern. Ein kleines Projekt habe ich noch in der Hinterhand, aber auch hier weiß ich nicht, ob es nicht an ecuadorianischer Trägheit (Faulheit?) scheitern wird.
Es wird Zeit, dass ich meine Zelte hier abbreche.
Noch ein keiner Nachtrag: Das Internet ist keineswegs überlebenswichtig. Solange klar ist, dass es keinen Zugang dazu gibt, fehlt es mir nicht. Aber wenn es theoretisch möglich ist, eine Internetverbindung zu haben, stört es mich doch sehr, wenn der schlechte Service von Internetprovidern eine Strich durch die Internetverbindung machen: In Íntag muss man derzeit Glück haben, um eMails empfangen oder gar Blogeinträge veröffentlichen zu können.
Und noch eine Ergänzung. Diesen Ausschnitt aus den Notifax, wöchentlich versandten Nachrichten aus und über Nicaragua, möchte ich euch nicht vorenthalten:
»Die Behörden meldeten, dass in der Semana Santa 66 Menschen den Tod gefunden haben. 24 von ihnen seien bei Diskussionen und Alkoholkonsum gewaltsam ums Leben gekommen.«
Das scheint mir eine interessante Diskussionskultur zu sein...
sábado, 23 de abril de 2011
Via fatale
ALS DER BUS im dichten Nebel verschwindet, ist die Stimmung noch gut. Es werden Witze erzählt, und Gelächter erfüllt den Innenraum des kleinen Busses. Es ist Donnerstag, doch einige Lehrerinnen und Lehrer, die in Íntag unterrichten, sind bereits auf dem Weg nach Otavalo. Wegen einer Fortbildung, sagen sie. Weil sie faul sind und sich ein langes Wochenende gönnen, behaupten böse Zungen.
Auch ich sitze in diesem Bus. Der letzte Bus des Tages, der Apuela für gewöhnlich zwischen drei und vier Uhr nachmittags verlässt, fuhr heute schon um kurz nach halb drei an der Bibliothek vorbei, als ich noch beschäftigt war. Mein Vorhaben, bereits am Donnerstagabend in Otavalo zu sein, um freitags bereits früh am Morgen nach Atuntaqui zu fahren, hatte ich eigentlich schon abgeschrieben, als sich der kleine weiße Bus langsam die Hauptstraße Apuelas hoch- und Otavalo entgegenarbeitete. Zum Glück gab es dort noch einen Sitzplatz, und so musste ich meine Pläne nicht ändern.
Fünf Kilometer oberhalb von Apuela passieren wir Pucará, weitere fünf Kilometer östlich durchqueren wir Santa Rosa. Nun beginnt der steilste Anstieg, hinauf zu La Delicia, hinein in die Wolken, in den Nebel. Die Stimmung ist gut, noch. Doch der Bus hat kaum genügend Kraft, sich und die Passagiere den Berg hinaufzutransportieren: Das Getriebe ist beschädigt, was sich vor allem dann bemerkbar macht, wenn das Fahrzeug anfährt. Jedes Mal, wenn uns ein Pick-Up entgegenkommt und der Busfahrer anhält, um den Gegenverkehr passieren zu lassen, herrscht Stille im Bus: Wird der Motor es schaffen, am Hang wieder anzufahren? Meistens gelingt es nicht auf Anhieb, was den Fahrer dazu veranlasst, einige Meter zurückzurollen, auf einen ebeneren Streckenabschnitt. Rückwärts. Im Nebel. Bei weniger als zwanzig, vielleicht weniger als zehn Metern Sicht. In einem Land, in dem man von vorausschauendem und den Witterungsverhältnissen angepasstem Fahren noch nichts zu gehört haben scheint.
Irgendwie klappt es jedes Mal, den Bus den Berg hinauf zu treiben. Er kreischt, kämpft und kollabiert einige Male beinahe, aber immer geht es weiter. Bergauf! Hinein in den Nebel, hinein in den Regen. Bis uns zwei weitere Pick-Ups entgegenkommen: Die Fahrer teilen unserem Busfahrer mit, dass es wegen eines Erdrutsches nicht möglich sei, nach Otavalo zu fahren. »Nur die großen Fahrzeuge«, also nur der reguläre Bus und große Lastwagen, könnten diesen Erdrutsch durchqueren. Niemand weiß etwas Genaues – der Fahrer unseres sterbenden Gefährtes entscheidet sich dennoch zum Umkehren. Im Bus bleibt es still: Wird aus dem langen Wochenende nichts?
Es geht einige Kilometer zurück, bis nach Santa Rosa. Hier regnet es nicht, und an die matschige Piste und den möglichen Erdrutsch denkt man hier, im Tal, nicht. Nun kommen uns die beiden Pick-Ups, deren Fahrer uns vor dem Erdrutsch gewarnt haben, wieder entgegen. Sie halten neben unserem Bus an. »Nur die kleinen Fahrzeuge«, also alle bis auf den regulären Bus und große Lastwagen könnten den Erdrutsch durchqueren: Es sei einen Versuch wert, die kurvige Strecke noch einmal zurückzulegen, um schließlich vielleicht doch bis nach Otavalo zu gelangen. Wir drehen wieder um.
Als der Bus bereits bei geringsten Steigungen in die Knie geht, macht sich Galgenhumor breit. So recht glaubt niemand daran, dass wir heute noch nach Otavalo kommen. Doch einige Kilometer weiter, nachdem unser Fahrzeug es tatsächlich geschafft hat, die steilsten Passagen hinter sich zu lassen, keimt wieder Hoffnung auf – die beiden Pick-Ups sind uns noch nicht entgegengekommen, und wir sind bereits fast am Erdrutsch angekommen. Sollte es tatsächlich möglich sein, die Gefahrenstelle unbeschadet zu passieren?
Der Erdrutsch sieht beängstigend aus: Links der Straße türmen sich riesige Haufen aus Sand, Geröll und Matsch auf. Die beinahe senkrechte Wand, die hier eins über der Straße thronte, wurde von den anhaltenden Niederschlägen aufgeweicht und ist im Laufe der vergangenen Wochen immer weiter abgerutscht. Beinahe täglich gab es Erdrutsche. Die Straße selbst sieht eher aus wie ein Fluss; Unmengen an Regenwasser strömen uns entgegen, dazwischen sind riesige Schlammpfützen zu sehen. Rechts der Straße geht es senkrecht bergab. Die Erdrutsche haben bereits eine riesige Schneise in den Nebelwald gerissen.
Es regnet noch immer, auch der Nebel hat sich nicht verzogen. Regenwasser läuft in Sturzbächen über das lockere Erdreich. Just in dem Moment, in dem sich unser Fahrer ein Herz fasst und den Bus beschleunigt, rollt ein Stein, groß wie ein Sitzball, auf die Fahrbahn herab, verfehlt den Bus nur knapp. Der Busfahrer reagiert auf die erschrockenen Rufe im Bus – und bremst. Mitten im Erdrutsch. Danach rollt er, wieder einmal, rückwärts in die Ausgangssituation. Wie soll es weitergehen? Einige beharren darauf, nach Otavalo zu fahren: Es wird schon nichts passieren! Andere sind damit einverstanden, wollen den Erdrutsch jedoch zu Fuß durchqueren und auf der anderen Seite der matschigen Gefahr vom Bus mitgenommen werden. Schlussendlich nimmt der Bus wieder Anlauf, und durchquert die Gefahrenzone: Der Regen droht den Rest des Hanges auch noch ins Tal zu schwemmen, der Motor droht mit Streik – und am Ende schaffen wir es doch.
Die Lehrerinnen und Lehrer im Bus sind erleichtert, und auch der Fahrer scheint nicht ganz glauben zu können, was er da gerade gemacht hat. Er hält sich jedenfalls zurück mit seinen Witzen und scheint immer noch angespannt zu sein. Die Fahrt geht dennoch weiter. Kilometer für Kilometer nähern wir uns Otavalo. Als wir dort ankommen, sind bereits über drei Stunden vergangen seit der Abfahrt aus Apuela – normalerweise braucht der Linienbus zwei bis zweieinhalb Stunden, mit kleinen Fahrzeugen geht es für gewöhnlich schneller. Heute nicht. Aber: Als der Bus aus dem dichten Nebel auftaucht, ist die Stimmung wieder gut.
___
DIE KLEINE STRASSE von Otavalo nach Íntag hat den Namen eigentlich nicht verdient: Sie ist an keiner Stelle asphaltiert und nur ein wenigen Dörfern mit Steinen befestigt. Und doch ist sie die einzige Möglichkeit, Íntag per Fahrzeug zu erreichen und zu verlassen. Noch bis in die siebziger Jahre hinein war die Situation für die inteños schwieriger: Es gab nur einen Pfad, über den man innerhalb von mindestens zwei Tagen nach Otavalo gelangen konnte. Durch die vielen Niederschläge wird die Fahrbahn jedoch immer mehr ausgewaschen: Tiefe Furchen ziehen sich über und durch die Piste und machen eine schnelle und/oder angenehme Fahrt unmöglich.
Momentan wird die Fahrbahn an vielen Stellen ausgebessert. Ob die neue Fahrbahndecke, bestehend aus viel Erde und wenig Schotter, langfristige Verbesserungen mit sich bringt, darf bezweifelt werden. Es scheint eine Macke zu sein, die ich bisher in allen lateinamerikanischen Ländern, die ich bereist habe, gesehen habe: Langfristige Planung findet nicht statt, hat keine Anhänger. Lieber schnell und billig (und also häufig und unterm Strich gar nicht kostengünstig) als gründlich und etwas teurer (aber dauerhaft und am Ende doch sparsam).
Trotzdem könnte Besserung in Sicht sein. Die Provinzregierung denkt momentan darüber nach, eine asphaltierte Straße nach Íntag zu bauen und stellt die nötigen Nachforschungen an. Es gibt drei alternative Straßenverläufe: Entweder wird die bestehende Fahrbahn einfach übernommen und asphaltiert. Oder sie wird den Anforderungen angepasst und asphaltiert, was leichte Abweichungen vom aktuellen Verlauf bedeuten würde: Einige Kurven sind nicht regelkonform und dürfen laut Gesetz nicht befahren werden. Dass man als Planer einer Fahrbahn überhaupt in Erwägung zieht, den aktuellen, gesetzwidrigen Straßenverlauf zu übernehmen, finde ich schon ungeheuerlich. Die dritte Alternative wäre eine komplett neue Trasse.
Natürlich haben alle drei Möglichkeiten Vor- und Nachteile.
Für die erste Überlegung, die vorhandenen Straße einfach zu asphaltieren, spricht zweifelsohne, dass dies keine (oder kaum) weitere Abholzung bedeuten würde. Dagegen spricht, wie gesagt, dass einige Kurven für den Verkehr von Kraftfahrzeugen eigentlich nicht geeignet sind. Es bliebe auch in Zukunft eng, wenn Busse und Lastwagen auf der Strecke verkehren.
Für die zweite Idee, die vorhandene Strecke auszubessern, spricht der relativ kleine Aufwand für eine ordentliche Fahrbahn. Doch es ist bereits abzusehen, dass bei diesem Vorhaben einige Grundstücke in Straße verwandelt werden. Das von Carolina, der Chefin der Zeitung, zum Beispiel.
Und die dritte Möglichkeit wäre aus Sicht aller Umweltschützerinnen und Umweltschützer ein Desaster. Eine schöne, neue, breite Fahrbahn – mitten durch den schrumpfenden Nebelwald, mitten durch eine der artenreichsten Gegenden der Welt.
Viele der Menschen, die hier leben, fordern die Straße vehement. Und jedes Dorf möchte am liebsten direkt an der Straße liegen. In Pucará möchte man also, dass die bisherige Trasse beibehalten wird: Weil man so an der neuen Straße leben würde. In Plaza Gutiérrez bevorzugt man die zweite oder dritte Lösung, um künftig nicht mehr so weit ab vom Schuss zu leben.
Dabei geht es wenig um Umweltschutz. Die Beweggründe der inte ños sind andere: Man möchte endlich eine Straße haben, die dazu geeignet ist, landwirtschaftliche Erzeugnisse schnell und günstig und in großen Mengen nach Otavalo zu transportieren. Man möchte mehr Busverbindungen haben. Man möchte, dass die Fahrt nach Íntag für auswärts lebende Familienangehörige leichter vonstatten geht. Ob es in Otavalo eine Nachfrage für Íntag-Produkte gibt? (Bananen, Mais, Zuckerrohr etc. werden auch andernorts angebaut, wesentlich näher an Otavalo und Ibarra.) Ob genügend Nachfrage für mehr Busverbindungen vorhanden ist? Ob die Verwandten bei einer besseren Straße tatsächlich jede Woche zu Besuch kämen? Das weiß niemand.
Sicher ist jedoch: Es wird eine große Umstellung sein, plötzlich an einer gut ausgebauten Straße zu leben. Der Verkehr wird voraussichtlich zunehmen und sicherlich schneller werden. Wie lange die Kindern, die jetzt auf oder direkt an der Straße spielen, brauchen, bis sie lernen, mit der neuen Situation umzugehen, wird sich zeigen. Mehr Verkehr heißt auch: Mehr Müll. Der massige Plastikmüll, der heutzutage am Straßenrand eingesammelt werden kann, ist erschreckend: Alles wird in Plastikverpackungen verkauft, und niemand macht sich die Mühe, diese Verpackungen in einen Mülleimer zu werfen. Die Bewohnerinnen und Bewohner Íntags, die so großen Wert auf Umweltschutz legen (und ihren Müll ins Feld werfen oder hinter dem Haus verbrennen), hören scheinbar gerne auf, sich über ihre Umwelt Gedanken zu machen, sobald sich ihnen irgendeine Form von Profit bietet. Immerhin: Es gibt Menschen, die davor warnen, eine Asphaltstraße zu bauen – weil dann alle Frauen Männer von außerhalb und alle Männer Frauen von außerhalb heiraten würden, und Íntag bald ausgestorben wäre. Dieses Argument könnte vielleicht ziehen bei den lieben inteños.
Auch ich sitze in diesem Bus. Der letzte Bus des Tages, der Apuela für gewöhnlich zwischen drei und vier Uhr nachmittags verlässt, fuhr heute schon um kurz nach halb drei an der Bibliothek vorbei, als ich noch beschäftigt war. Mein Vorhaben, bereits am Donnerstagabend in Otavalo zu sein, um freitags bereits früh am Morgen nach Atuntaqui zu fahren, hatte ich eigentlich schon abgeschrieben, als sich der kleine weiße Bus langsam die Hauptstraße Apuelas hoch- und Otavalo entgegenarbeitete. Zum Glück gab es dort noch einen Sitzplatz, und so musste ich meine Pläne nicht ändern.
Fünf Kilometer oberhalb von Apuela passieren wir Pucará, weitere fünf Kilometer östlich durchqueren wir Santa Rosa. Nun beginnt der steilste Anstieg, hinauf zu La Delicia, hinein in die Wolken, in den Nebel. Die Stimmung ist gut, noch. Doch der Bus hat kaum genügend Kraft, sich und die Passagiere den Berg hinaufzutransportieren: Das Getriebe ist beschädigt, was sich vor allem dann bemerkbar macht, wenn das Fahrzeug anfährt. Jedes Mal, wenn uns ein Pick-Up entgegenkommt und der Busfahrer anhält, um den Gegenverkehr passieren zu lassen, herrscht Stille im Bus: Wird der Motor es schaffen, am Hang wieder anzufahren? Meistens gelingt es nicht auf Anhieb, was den Fahrer dazu veranlasst, einige Meter zurückzurollen, auf einen ebeneren Streckenabschnitt. Rückwärts. Im Nebel. Bei weniger als zwanzig, vielleicht weniger als zehn Metern Sicht. In einem Land, in dem man von vorausschauendem und den Witterungsverhältnissen angepasstem Fahren noch nichts zu gehört haben scheint.
Irgendwie klappt es jedes Mal, den Bus den Berg hinauf zu treiben. Er kreischt, kämpft und kollabiert einige Male beinahe, aber immer geht es weiter. Bergauf! Hinein in den Nebel, hinein in den Regen. Bis uns zwei weitere Pick-Ups entgegenkommen: Die Fahrer teilen unserem Busfahrer mit, dass es wegen eines Erdrutsches nicht möglich sei, nach Otavalo zu fahren. »Nur die großen Fahrzeuge«, also nur der reguläre Bus und große Lastwagen, könnten diesen Erdrutsch durchqueren. Niemand weiß etwas Genaues – der Fahrer unseres sterbenden Gefährtes entscheidet sich dennoch zum Umkehren. Im Bus bleibt es still: Wird aus dem langen Wochenende nichts?
Es geht einige Kilometer zurück, bis nach Santa Rosa. Hier regnet es nicht, und an die matschige Piste und den möglichen Erdrutsch denkt man hier, im Tal, nicht. Nun kommen uns die beiden Pick-Ups, deren Fahrer uns vor dem Erdrutsch gewarnt haben, wieder entgegen. Sie halten neben unserem Bus an. »Nur die kleinen Fahrzeuge«, also alle bis auf den regulären Bus und große Lastwagen könnten den Erdrutsch durchqueren: Es sei einen Versuch wert, die kurvige Strecke noch einmal zurückzulegen, um schließlich vielleicht doch bis nach Otavalo zu gelangen. Wir drehen wieder um.
Als der Bus bereits bei geringsten Steigungen in die Knie geht, macht sich Galgenhumor breit. So recht glaubt niemand daran, dass wir heute noch nach Otavalo kommen. Doch einige Kilometer weiter, nachdem unser Fahrzeug es tatsächlich geschafft hat, die steilsten Passagen hinter sich zu lassen, keimt wieder Hoffnung auf – die beiden Pick-Ups sind uns noch nicht entgegengekommen, und wir sind bereits fast am Erdrutsch angekommen. Sollte es tatsächlich möglich sein, die Gefahrenstelle unbeschadet zu passieren?
Der Erdrutsch sieht beängstigend aus: Links der Straße türmen sich riesige Haufen aus Sand, Geröll und Matsch auf. Die beinahe senkrechte Wand, die hier eins über der Straße thronte, wurde von den anhaltenden Niederschlägen aufgeweicht und ist im Laufe der vergangenen Wochen immer weiter abgerutscht. Beinahe täglich gab es Erdrutsche. Die Straße selbst sieht eher aus wie ein Fluss; Unmengen an Regenwasser strömen uns entgegen, dazwischen sind riesige Schlammpfützen zu sehen. Rechts der Straße geht es senkrecht bergab. Die Erdrutsche haben bereits eine riesige Schneise in den Nebelwald gerissen.
Es regnet noch immer, auch der Nebel hat sich nicht verzogen. Regenwasser läuft in Sturzbächen über das lockere Erdreich. Just in dem Moment, in dem sich unser Fahrer ein Herz fasst und den Bus beschleunigt, rollt ein Stein, groß wie ein Sitzball, auf die Fahrbahn herab, verfehlt den Bus nur knapp. Der Busfahrer reagiert auf die erschrockenen Rufe im Bus – und bremst. Mitten im Erdrutsch. Danach rollt er, wieder einmal, rückwärts in die Ausgangssituation. Wie soll es weitergehen? Einige beharren darauf, nach Otavalo zu fahren: Es wird schon nichts passieren! Andere sind damit einverstanden, wollen den Erdrutsch jedoch zu Fuß durchqueren und auf der anderen Seite der matschigen Gefahr vom Bus mitgenommen werden. Schlussendlich nimmt der Bus wieder Anlauf, und durchquert die Gefahrenzone: Der Regen droht den Rest des Hanges auch noch ins Tal zu schwemmen, der Motor droht mit Streik – und am Ende schaffen wir es doch.
Die Lehrerinnen und Lehrer im Bus sind erleichtert, und auch der Fahrer scheint nicht ganz glauben zu können, was er da gerade gemacht hat. Er hält sich jedenfalls zurück mit seinen Witzen und scheint immer noch angespannt zu sein. Die Fahrt geht dennoch weiter. Kilometer für Kilometer nähern wir uns Otavalo. Als wir dort ankommen, sind bereits über drei Stunden vergangen seit der Abfahrt aus Apuela – normalerweise braucht der Linienbus zwei bis zweieinhalb Stunden, mit kleinen Fahrzeugen geht es für gewöhnlich schneller. Heute nicht. Aber: Als der Bus aus dem dichten Nebel auftaucht, ist die Stimmung wieder gut.
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DIE KLEINE STRASSE von Otavalo nach Íntag hat den Namen eigentlich nicht verdient: Sie ist an keiner Stelle asphaltiert und nur ein wenigen Dörfern mit Steinen befestigt. Und doch ist sie die einzige Möglichkeit, Íntag per Fahrzeug zu erreichen und zu verlassen. Noch bis in die siebziger Jahre hinein war die Situation für die inteños schwieriger: Es gab nur einen Pfad, über den man innerhalb von mindestens zwei Tagen nach Otavalo gelangen konnte. Durch die vielen Niederschläge wird die Fahrbahn jedoch immer mehr ausgewaschen: Tiefe Furchen ziehen sich über und durch die Piste und machen eine schnelle und/oder angenehme Fahrt unmöglich.
Momentan wird die Fahrbahn an vielen Stellen ausgebessert. Ob die neue Fahrbahndecke, bestehend aus viel Erde und wenig Schotter, langfristige Verbesserungen mit sich bringt, darf bezweifelt werden. Es scheint eine Macke zu sein, die ich bisher in allen lateinamerikanischen Ländern, die ich bereist habe, gesehen habe: Langfristige Planung findet nicht statt, hat keine Anhänger. Lieber schnell und billig (und also häufig und unterm Strich gar nicht kostengünstig) als gründlich und etwas teurer (aber dauerhaft und am Ende doch sparsam).
Trotzdem könnte Besserung in Sicht sein. Die Provinzregierung denkt momentan darüber nach, eine asphaltierte Straße nach Íntag zu bauen und stellt die nötigen Nachforschungen an. Es gibt drei alternative Straßenverläufe: Entweder wird die bestehende Fahrbahn einfach übernommen und asphaltiert. Oder sie wird den Anforderungen angepasst und asphaltiert, was leichte Abweichungen vom aktuellen Verlauf bedeuten würde: Einige Kurven sind nicht regelkonform und dürfen laut Gesetz nicht befahren werden. Dass man als Planer einer Fahrbahn überhaupt in Erwägung zieht, den aktuellen, gesetzwidrigen Straßenverlauf zu übernehmen, finde ich schon ungeheuerlich. Die dritte Alternative wäre eine komplett neue Trasse.
Natürlich haben alle drei Möglichkeiten Vor- und Nachteile.
Für die erste Überlegung, die vorhandenen Straße einfach zu asphaltieren, spricht zweifelsohne, dass dies keine (oder kaum) weitere Abholzung bedeuten würde. Dagegen spricht, wie gesagt, dass einige Kurven für den Verkehr von Kraftfahrzeugen eigentlich nicht geeignet sind. Es bliebe auch in Zukunft eng, wenn Busse und Lastwagen auf der Strecke verkehren.
Für die zweite Idee, die vorhandene Strecke auszubessern, spricht der relativ kleine Aufwand für eine ordentliche Fahrbahn. Doch es ist bereits abzusehen, dass bei diesem Vorhaben einige Grundstücke in Straße verwandelt werden. Das von Carolina, der Chefin der Zeitung, zum Beispiel.
Und die dritte Möglichkeit wäre aus Sicht aller Umweltschützerinnen und Umweltschützer ein Desaster. Eine schöne, neue, breite Fahrbahn – mitten durch den schrumpfenden Nebelwald, mitten durch eine der artenreichsten Gegenden der Welt.
Viele der Menschen, die hier leben, fordern die Straße vehement. Und jedes Dorf möchte am liebsten direkt an der Straße liegen. In Pucará möchte man also, dass die bisherige Trasse beibehalten wird: Weil man so an der neuen Straße leben würde. In Plaza Gutiérrez bevorzugt man die zweite oder dritte Lösung, um künftig nicht mehr so weit ab vom Schuss zu leben.
Dabei geht es wenig um Umweltschutz. Die Beweggründe der inte ños sind andere: Man möchte endlich eine Straße haben, die dazu geeignet ist, landwirtschaftliche Erzeugnisse schnell und günstig und in großen Mengen nach Otavalo zu transportieren. Man möchte mehr Busverbindungen haben. Man möchte, dass die Fahrt nach Íntag für auswärts lebende Familienangehörige leichter vonstatten geht. Ob es in Otavalo eine Nachfrage für Íntag-Produkte gibt? (Bananen, Mais, Zuckerrohr etc. werden auch andernorts angebaut, wesentlich näher an Otavalo und Ibarra.) Ob genügend Nachfrage für mehr Busverbindungen vorhanden ist? Ob die Verwandten bei einer besseren Straße tatsächlich jede Woche zu Besuch kämen? Das weiß niemand.
Sicher ist jedoch: Es wird eine große Umstellung sein, plötzlich an einer gut ausgebauten Straße zu leben. Der Verkehr wird voraussichtlich zunehmen und sicherlich schneller werden. Wie lange die Kindern, die jetzt auf oder direkt an der Straße spielen, brauchen, bis sie lernen, mit der neuen Situation umzugehen, wird sich zeigen. Mehr Verkehr heißt auch: Mehr Müll. Der massige Plastikmüll, der heutzutage am Straßenrand eingesammelt werden kann, ist erschreckend: Alles wird in Plastikverpackungen verkauft, und niemand macht sich die Mühe, diese Verpackungen in einen Mülleimer zu werfen. Die Bewohnerinnen und Bewohner Íntags, die so großen Wert auf Umweltschutz legen (und ihren Müll ins Feld werfen oder hinter dem Haus verbrennen), hören scheinbar gerne auf, sich über ihre Umwelt Gedanken zu machen, sobald sich ihnen irgendeine Form von Profit bietet. Immerhin: Es gibt Menschen, die davor warnen, eine Asphaltstraße zu bauen – weil dann alle Frauen Männer von außerhalb und alle Männer Frauen von außerhalb heiraten würden, und Íntag bald ausgestorben wäre. Dieses Argument könnte vielleicht ziehen bei den lieben inteños.
sábado, 9 de abril de 2011
Vergangenheit
EIN INTERESSANTES PHÄNOMEN in Íntag, Ecuador, Lateinamerika und vermutlich einigen anderen Ländern der sogenannten Dritten Welt auf anderen Kontinenten ist die Zeit. Dazu fällt mir immer wieder der Spruch ein, dass wir in den Industrieländern die Uhr hätten - und die Leute hier eben die Zeit. Zeitdruck kommt nie auf hier, nicht einmal bei der Zeitung: Wenn die Fristen in der Redaktion nicht eingehalten werden können, liegt das nicht an der langsamen und ineffizienten Arbeitsweise, sondern am zu früh angesetzten Ultimatum, das dann dementsprechend nach hinten verschoben wird.
Als ich also am Freitag früh aufbrach, um nach Apuela und von dort nach Peñaherrera, auf der anderen Seite des Tals, zu laufen, um dort wiederum mit der Umfrage weiterzukommen, die ich derzeit durchführe, wollte ich auf dem Weg eigentlich nicht viel Zeit verlieren: Vor mir lagen immerhin mehr als zwanzig Kilometer und einige Gespräche; auf Busfahrten wollte ich verzichten und wusste dass ich gegen sechs Uhr am Abend wieder bei Doña Emilia sein müsste.
Natürlich wurde mir ein Strich durch den Zeitplan gemacht. Die erste Frau, die ich um die Teilnahme an der Umfrage bat, wies mich ab und riet mir, beim Haus gegenüber zu fragen. Dort wohnt Don César Gilberto Pavón, den ich zwar kenne, dessen Adresse ich aber noch nicht in Erfahrung gebracht hatte. Ich rief also von der Straße aus und fragte, ob ich eintreten könnte. Und da trat Don César aus dem Haus heraus und öffnete mir das Gartentor.
Don César verfasst für jede Ausgabe des Periódico ÍNTAG ein Gedicht und ist somit einer der ganz seltenen, vielleicht sogar der einzige Poet in Íntag. Er lebt, wie ich jetzt weiß, in einem kleinen Lehmhaus etwas außerhalb Apuelas, umgeben von Bananenstauden und Kaffepflanzen. Seine Familie kam erstmals neunzehnhundertvier nach Íntag, als ein Bruder seines Großvaters Land suchte, nachdem er vom Gut seines Großgrundbesitzers geflohen war. Im Laufe der Jahre zogen weitere Teile der Familie nach, unter anderem Don Césars Großvater.
Eine von Don Pavóns Töchtern war von Geburt an taubstumm. Weil sie jedoch sonst ohne weitere Einschränkungen lebte, fiel sie in Íntag kaum auf. Sie arbeitete auf den Feldern und gebahr neunzehnhundertfünfundfünzig ihr einziges Kind, Don César. Der wurde von einer Tante großgezogen. Er interessierte sich sehr für Poesie und Musik, spielte in einigen Musikgruppen und nahm rege am sozialen und politischen Leben in Íntag teil.
Ein paar Episoden seiner persönlichen Geschichte schilderte mir Don César, als ich am Freitag bei ihm vor der neuen, sich noch im Bau befindlichen Holzhütte saß, um eigentlich nur ein paar Fragen für die Umfrage zu stellen. Aus den geplanten zwanzig Minuten wurden dann rund zwei Stunden: Ich durfte mir sämtliche Fotos ansehen, die der Herr geschossen hatte, und ein paar alte Aufnahmen aus seiner Jugend.
Es war irgendwie surreal, wie Don César, dessen Hautfarbe im Vergleich zu der seiner Vorfahren schon sehr verblasst ist (sein Vater war ein Mestize), da vor mir saß: Mit seinen Zähnen, die so weiß und gerade und makellos sind, dass ich ihre Echtheit bezweifle, seinen Händen, denen man die harte Feldarbeit deutlich ansieht, seinen Füßen, die vom Barfußlaufen ganz schwarz sind - und zeigt mir Bilder aus den Siebzigern, auf denen er mit Afro, Koteletten, und Diskooutfit zu sehen ist!
Zur gewohnten Zeitverzögerung, die ich schon zu genüge kenne, gesellte sich also plötzlich dieses Element, dessen Existenz ich in Íntag nie erwartet hätte: Die Bäuerinnen und Bauern hier sehe ich nun jedenfalls mit anderen Augen. Waren sie vielleicht vor dreißig oder vierzig Jahren alle eher auf Tanzflächen in der Hauptstadt zu finden als auf ihren Feldern, wie man heute meinen könnte?
Als ich also am Freitag früh aufbrach, um nach Apuela und von dort nach Peñaherrera, auf der anderen Seite des Tals, zu laufen, um dort wiederum mit der Umfrage weiterzukommen, die ich derzeit durchführe, wollte ich auf dem Weg eigentlich nicht viel Zeit verlieren: Vor mir lagen immerhin mehr als zwanzig Kilometer und einige Gespräche; auf Busfahrten wollte ich verzichten und wusste dass ich gegen sechs Uhr am Abend wieder bei Doña Emilia sein müsste.
Natürlich wurde mir ein Strich durch den Zeitplan gemacht. Die erste Frau, die ich um die Teilnahme an der Umfrage bat, wies mich ab und riet mir, beim Haus gegenüber zu fragen. Dort wohnt Don César Gilberto Pavón, den ich zwar kenne, dessen Adresse ich aber noch nicht in Erfahrung gebracht hatte. Ich rief also von der Straße aus und fragte, ob ich eintreten könnte. Und da trat Don César aus dem Haus heraus und öffnete mir das Gartentor.
Don César verfasst für jede Ausgabe des Periódico ÍNTAG ein Gedicht und ist somit einer der ganz seltenen, vielleicht sogar der einzige Poet in Íntag. Er lebt, wie ich jetzt weiß, in einem kleinen Lehmhaus etwas außerhalb Apuelas, umgeben von Bananenstauden und Kaffepflanzen. Seine Familie kam erstmals neunzehnhundertvier nach Íntag, als ein Bruder seines Großvaters Land suchte, nachdem er vom Gut seines Großgrundbesitzers geflohen war. Im Laufe der Jahre zogen weitere Teile der Familie nach, unter anderem Don Césars Großvater.
Eine von Don Pavóns Töchtern war von Geburt an taubstumm. Weil sie jedoch sonst ohne weitere Einschränkungen lebte, fiel sie in Íntag kaum auf. Sie arbeitete auf den Feldern und gebahr neunzehnhundertfünfundfünzig ihr einziges Kind, Don César. Der wurde von einer Tante großgezogen. Er interessierte sich sehr für Poesie und Musik, spielte in einigen Musikgruppen und nahm rege am sozialen und politischen Leben in Íntag teil.
Ein paar Episoden seiner persönlichen Geschichte schilderte mir Don César, als ich am Freitag bei ihm vor der neuen, sich noch im Bau befindlichen Holzhütte saß, um eigentlich nur ein paar Fragen für die Umfrage zu stellen. Aus den geplanten zwanzig Minuten wurden dann rund zwei Stunden: Ich durfte mir sämtliche Fotos ansehen, die der Herr geschossen hatte, und ein paar alte Aufnahmen aus seiner Jugend.
Es war irgendwie surreal, wie Don César, dessen Hautfarbe im Vergleich zu der seiner Vorfahren schon sehr verblasst ist (sein Vater war ein Mestize), da vor mir saß: Mit seinen Zähnen, die so weiß und gerade und makellos sind, dass ich ihre Echtheit bezweifle, seinen Händen, denen man die harte Feldarbeit deutlich ansieht, seinen Füßen, die vom Barfußlaufen ganz schwarz sind - und zeigt mir Bilder aus den Siebzigern, auf denen er mit Afro, Koteletten, und Diskooutfit zu sehen ist!
Zur gewohnten Zeitverzögerung, die ich schon zu genüge kenne, gesellte sich also plötzlich dieses Element, dessen Existenz ich in Íntag nie erwartet hätte: Die Bäuerinnen und Bauern hier sehe ich nun jedenfalls mit anderen Augen. Waren sie vielleicht vor dreißig oder vierzig Jahren alle eher auf Tanzflächen in der Hauptstadt zu finden als auf ihren Feldern, wie man heute meinen könnte?
sábado, 2 de abril de 2011
Unruhen im Paradies
ALS DER STROM ausfällt, wird es unübersichtlich unter dem Plastikdach des großen, weißen Pavillons, der speziell für diese Veranstaltung aufgebaut wurde. Unzählige Stimmen erfüllen die Luft, doch keine ist mehr deutlich zu verstehen, jetzt, da das Mikrofon nicht mehr funktioniert. Der einsetzende starke Regen tut das Übrige: Das Wasser läuft in den Pavillon, der Erdboden verwandelt sich stellenweise sofort in ein schlammiges Bachbett. Die meisten der Personen, die angereist sind, brechen auf. Einige trotzen dem Regen und reisen auf einer der Ladeflächen der zahlreichen Pritschenwagen ab, andere finden Platz in einem Fahrzeug und müssen sich um das Wetter nicht mehr kümmern. Zurück bleiben die Einwohnerinnen und Einwohner von El Paraíso, unter ihnen Don Julio, der gerade eben mit seinem Sohn derart aneinandergeraten ist, dass eine Schlägerei kaum noch zu verhindern war.
Dass Íntag für Bergbauunternehmen kein gutes Pflaster ist, sollte eigentlich bekannt sein: Was vor ein paar Jahren in Junín passiert ist, wurde in einigen Filmen dokumentiert und weltweit bekannt gemacht – zumindest in Umweltschützerkreisen und bei anderen Naturliebhabern. Damals fing ein kanadisches Bergbauunternehmen an, Kupfer in Junín abzubauen. Dafür musste zunächst der Boden genau untersucht werden, um die reichhaltigen Metallvorkommen zu belegen. Bohrungen wurden unternommen – ein kleiner und ungefährlicher Eingriff, könnte man denken: Es werden keine schweren Geschütze aufgefahren, und nicht einmal ein Baum muss für diesen Arbeitsvorgang gefällt werden. Allein, die Bohrungen stießen auf arsenhaltige Grundwassereinschlüsse – dieses Wasser dringt seitdem an die Erdoberfläche und vergiftet still und leise angrenzende Wasserläufe und den Boden. Nach den Bohrungen kam dann erst die eigentliche Arbeit: Der Kupferabbau. Der führte dazu, dass Wasserläufe weiter verdreckt wurden, Vieh starb und Menschen erkrankten. Trotz der einmaligen Möglichkeit auf relativ gut bezahlte Arbeit fingen die Bewohnerinnen und Bewohner Juníns an, sich gegen das ausländische Minenunternehmen zu wehren.
Nach einigen Jahren des zähen Widerstandes erreichten die Dorfbewohner, wofür sie gekämpft hatten: Das Unternehmen legte die Arbeit in Junín nieder und verließ Íntag. Die Umweltschutzbewegung in der Region war geboren, einige Organisationen hatten sich mittlerweile hier niedergelassen. Und einige Familien und Freundschaften waren in die Brüche gegangen durch die heftigen Meinungsverschiedenheiten zwischen anti mineros und pro mineros.
Nun möchte das chilenische Unternehmen CODELCO anfangen, aus den Kupfervorkommen in Íntag Kapital zu schlagen. Zu diesem Zweck wurde in den vergangenen Wochen und Monaten fleißig geforscht und untersucht, Geologen, Biologen, Soziologen und andere Experten setzten sich mit den möglichen Auswirkungen auf Natur und Mensch auseinander. Die Ergebnisse dieser Untersuchung sollten der Bevölkerung von El Paraíso nun vorgestellt werden, um bald mit dem nächsten Schritt fortzufahren; den Bohrungen, die große Kupfer- und Goldvorkommen beweisen sollen und im Falle eines Falles dem Abbau dieser Metalle im großen Stil vorausgehen.
Spannung liegt in der Luft, als die Veranstaltung beginnt. Ein paar hundert Frauen und Männer, Kinder und Greise haben sich eingefunden, um der Vorstellung der Untersuchungsergebnisse beizuwohnen. Das Bergbauunternehmen hat einen großen Pavillon aufgebaut, der Schutz vor möglichen Niederschlägen bieten soll und für den nötigen Schatten für die Beamerpräsentation sorgt. Plastikstühle stehen an Plastiktischen – die Sitzgelegenheiten reichen jedoch bei weitem nicht aus. Mitarbeiterinnen der Firma bitten die Gäste um deren Unterschriften auf einem Dokument, das niemand kennt und um das die meisten einen weiten Bogen machen. Was wird nun folgen? Wird für Arbeit und Einkommen gesorgt, oder wird auch dieses Unternehmen nur auf die natürlichen Vorkommen scharf sein und sich nicht um die sozialen Bedürfnisse der von ihr heimgesuchten Gemeinde scheren?
Als die meisten der Stühle besetzt sind und noch immer zahllose Menschen um den Pavillon stehen, ergreift eine kleine Frau das Mikrofon und sogleich das Wort. Sie trägt eine weiße Bluse, enganliegende Jeans und Schuhe, die aussehen, als würden sie einige Kilos wiegen. Ihre Stimme ist fest, ihr Blick direkt – und die Frisur sitzt. Im Kurzdurchlauf erklärt sie, worum es heute geht. Stellt den Ablauf der heutigen Veranstaltung vor: Fragen und Einwände kommen ganz am Schluss.
Doch bevor der Experte von CODELCO richtig anfangen kann mit seinem Diskurs, wird er unterbrochen: Die Präsidentin der Gemeinde García Moreno, zu der auch El Paraíso gehört, baut sich neben ihrer Vorrednerin auf, die sich im Gegensatz zur lokalen Autorität geradezu winzig ausnimmt. Der Chilene, der eigentlich an der Reihe ist mit dem Reden, verstummt und vergisst in seiner Überraschung ganz, der Gemeindepräsidentin das Mikrofon zu reichen. Diese empört sich auch ohne elektronische Hilfsmittel lautstark: Wie es sein könne, dass die örtlichen Autoritäten nicht über derlei Treffen informiert würden. Für wen man sich halte, wenn man der Bevölkerung und sowie Vertreterinnen und Vertretern die dreihundert Seiten starke Schrift über die Ergebnisse der Untersuchung vorbehalte. Wie man ein Verhalten rechtfertige, das ganz offensichtlich ganz und gar nicht mit der Verfassung in Einklang zu bringen ist. Und während die lokale Autorität fragt und wettert, erweckt die Zuhörerschaft zum Leben. Die wütende Frau wird beklatscht und bejubelt, die Repräsentanten des Unternehmens müssen sich zahllose Vorwürfe anhören Am häufigsten den, dass sie das Mikrofon nicht an die aktuelle Rednerin weiterreichen – was sie jedoch zu keinerlei Reaktion veranlasst.
Nach einigen Minuten glätten sich die Wogen. Der chilenische Gast kann seinen Vortrag halten, und auch die anderen Redner kommen noch zu Wort. Das Vorhaben sei im Grunde ganz einfach: Man würde zunächst drei bis zehn Bohrungen vornehmen, jeweils bis zu fünfhundert Meter ins Erdreich. Diese Bohrungen dienen der Bestätigung der Metallvorkommen im Boden. Sollte man dabei nicht fündig werden, wäre das Unternehmen bereits beendet. Bei nennenswerten Kupfer- und/oder Goldvorkommen stünde hingegen die nächste Etappe an: Die Bohrung von bis zu achtundfünzig weiteren Löchern. All dies sei ganz einfach und vollkommen ungefährlich: Es würde im ersten Schritt nur eine kleine Maschine eingesetzt, für den möglichen zweiten Abschnitt würden insgesamt maximal vier Maschinen ausreichen. Diese Maschinen würden mit Diesel betrieben, weitere für die Umwelt schädlichen Stoffe würden nicht eingesetzt. Dennoch würde man darauf achten, dass jede Maschine auf einer Geomembran stehe, um dafür zu sorgen, dass kein einziger Tropfen Diesel ins Erdreich sickern kann. Natürlich würde man keine Bäume fällen, und nach Abschluss der Arbeiten würde man sogar neue Pflanzen sähen auf den kleinen Flächen, die sieben mal sieben Meter messen und für jede der Bohrungen von Vegetation befreit werden müssen. Weder für Flora noch für Fauna bestünde also Gefahr – abgesehen davon handele es sich bei der Fläche, auf der die Bohrungen unternommen werden sollen, sowieso nur um Weideland und Sekundärwald.
Nach dem Vortrag wird den Zuhörerinnen und Zuhörern das Wort erteilt. Haben sie Fragen? Haben sie Bedenken? Oder gar Vorschläge? Allgemeines Schweigen macht sich breit, so still war es an diesem Nachmittag noch nicht. Nur ein älter Herr mit langem, weißen Haar und einem wild wuchernden weißen Vollbart steht auf. Als er das Mikrofon ergreift, dringt ein unverständlicher Wortschwall aus seinem Mund heraus, über Mikrofon und Lautsprecher in die Gehörgänge aller Anwesenden. Spricht er englisch oder spanisch? Erst nach einigen Sekunden bekommt er Atem und Zunge unter Kontrolle und setzt nach einer kurzen Pause wieder an. Er spricht spanisch, mit einem nicht zu verkennenden nordamerikanischem Einschlag. Warum habe man ihn als Besitzer des Naturreservates »Los Cedros« nicht ein einziges Mal gefragt oder zumindest über das Vorhaben des Unternehmens in Kenntnis gesetzt? Immerhin liege sein Grundstück zum Teil auf der achthundert Hektar messenden Fläche, die von den Bohrungen betroffen sein würde. Das, stellt der chilenische Spezialist klar, stimme so nicht ganz: Immerhin könne man das aus unterschiedlichen Perspektiven sehen – je nachdem, ob man mit Metern oder Kilometern messe. Verblüffung im Publikum, lautes Lachen – auch das mit Akzent – seitens des Besitzers des Naturschutzgebietes. Das Eis ist gebrochen, unzählige Arme werden in die Luft gestreckt, als die kleine Dame fragt, ob mehr Klärungsbedarf bestehe.
Im weiteren Verlauf der Befragung wird der anwesende Vertreter der Provinzregierung als ahnungsloser und unwichtiger Herr enttarnt, der nicht etwa die Aufgabe hat, die Regierung zu vertreten, sondern eine simple Einladung vom Unternehmen erhalten hat. Ein weiterer Herr gibt das Mikrofon ganz schnell wieder ab, als er zu einer Antwort anheben möchte und man ihn fragt, wer er eigentlich sei und welche Position er bekleide. Für ihn springt ein anderer in die Presche. Er soll der einzige an diesem Nachmittag bleiben, der das Minenunternehmen nicht aussehen lässt wie einen Haufen ahnungsloser und frecher Emporkömmlinge. Das Gelächter ist groß, als der ratlose Politiker auf die Frage nach der Rechtmäßigkeit des Vorgehens des Unternehmens keine Antwort findet und ein paar komplett unangebrachte Worte ins Mikrofon stammelt. Die Frage, was genau denn so ungefährlich sei an dem Vorhaben, wenn erstmal arsenhaltiges Grundwasser in die Bäche laufe und was genau die Begrünung der Flächen um die Bohrlöcher bringen würde, wenn mitten durch das Grün giftiges Wasser aus dem Bohrloch pulsiert. Auch noch nach fünfzehn Jahren, wie in Junín, wird vom Gast aus Chile weise beantwortet: Man habe nicht vor, Arsen bei den Arbeiten einzusetzen. Und was, wenn man fündig würde? Würde man dann wieder abziehen, mit den kleinen Maschinen und die Bohrungen Bohrungen sein lassen? Oder habe man vor, dann mit anderen Kalibern anzurücken, um riesige Löcher in die Berge zu reißen und tausende Tonnen wertvoller Bodenschätze abzutransportieren? Eine Antwort gibt es darauf nicht. Nicht heute.
Einige junge Männer und Frauen bahnen sich ihre Wege durchs Publikum, um den vom Bergbauunternehmen gesponserten Snack zu servieren. Es gibt Sandwich mit geschmacklosem Etwas – Putenbrust? –, ein paar Süßigkeiten und eine kleine Coca-Cola für jeden. Übrig bleibt jeweils eine leere Einwegplastikflasche, ein Plastikteller und eine kleine Plastiktüte. Da haben die Herren Biologen ganze Arbeit geleistet.
Und in der Tat können sie, genau wie ihre Kollegen Geologen und die Marionetten aus der Politik, zufrieden nach Hause fahren: Sie wissen zwar, dass sie niemals willkommen sein werden in dem Dorf und dass es im Augenblick gar nicht gut aussieht für das Vorhaben in El Paraíso. Aber sie haben das Wichtigste erreicht: Die wenigen Bewohnerinnen und Bewohner der Gegend, die den Bergbau als arbeitsplatzschaffende Maßnahme begrüßen, haben bereits für viel Unmut gesorgt, und wenn nicht ganz genau aufgepasst wird, wie es weitergeht, steht auch die Bevölkerung von El Paraíso vor der Teilung in zwei Lager. Wenn es erst einmal so weit ist, dass die Menschen vor Ort sich untereinander anfeinden und bekämpfen, ist es ein leichtes für das Unternehmen, all seine Vorhaben in die Tat umzusetzen. Beim Gedanken an den heftigen Streit zwischen Don Julio, einem drahtigen Sechzigjährigen aus El Paraíso, und seinem Sohn werden die Angestellten von CODELCO und ihre Verbündeten noch einige Zeit zufrieden einschlafen können.
Dass Íntag für Bergbauunternehmen kein gutes Pflaster ist, sollte eigentlich bekannt sein: Was vor ein paar Jahren in Junín passiert ist, wurde in einigen Filmen dokumentiert und weltweit bekannt gemacht – zumindest in Umweltschützerkreisen und bei anderen Naturliebhabern. Damals fing ein kanadisches Bergbauunternehmen an, Kupfer in Junín abzubauen. Dafür musste zunächst der Boden genau untersucht werden, um die reichhaltigen Metallvorkommen zu belegen. Bohrungen wurden unternommen – ein kleiner und ungefährlicher Eingriff, könnte man denken: Es werden keine schweren Geschütze aufgefahren, und nicht einmal ein Baum muss für diesen Arbeitsvorgang gefällt werden. Allein, die Bohrungen stießen auf arsenhaltige Grundwassereinschlüsse – dieses Wasser dringt seitdem an die Erdoberfläche und vergiftet still und leise angrenzende Wasserläufe und den Boden. Nach den Bohrungen kam dann erst die eigentliche Arbeit: Der Kupferabbau. Der führte dazu, dass Wasserläufe weiter verdreckt wurden, Vieh starb und Menschen erkrankten. Trotz der einmaligen Möglichkeit auf relativ gut bezahlte Arbeit fingen die Bewohnerinnen und Bewohner Juníns an, sich gegen das ausländische Minenunternehmen zu wehren.
Nach einigen Jahren des zähen Widerstandes erreichten die Dorfbewohner, wofür sie gekämpft hatten: Das Unternehmen legte die Arbeit in Junín nieder und verließ Íntag. Die Umweltschutzbewegung in der Region war geboren, einige Organisationen hatten sich mittlerweile hier niedergelassen. Und einige Familien und Freundschaften waren in die Brüche gegangen durch die heftigen Meinungsverschiedenheiten zwischen anti mineros und pro mineros.
Nun möchte das chilenische Unternehmen CODELCO anfangen, aus den Kupfervorkommen in Íntag Kapital zu schlagen. Zu diesem Zweck wurde in den vergangenen Wochen und Monaten fleißig geforscht und untersucht, Geologen, Biologen, Soziologen und andere Experten setzten sich mit den möglichen Auswirkungen auf Natur und Mensch auseinander. Die Ergebnisse dieser Untersuchung sollten der Bevölkerung von El Paraíso nun vorgestellt werden, um bald mit dem nächsten Schritt fortzufahren; den Bohrungen, die große Kupfer- und Goldvorkommen beweisen sollen und im Falle eines Falles dem Abbau dieser Metalle im großen Stil vorausgehen.
Spannung liegt in der Luft, als die Veranstaltung beginnt. Ein paar hundert Frauen und Männer, Kinder und Greise haben sich eingefunden, um der Vorstellung der Untersuchungsergebnisse beizuwohnen. Das Bergbauunternehmen hat einen großen Pavillon aufgebaut, der Schutz vor möglichen Niederschlägen bieten soll und für den nötigen Schatten für die Beamerpräsentation sorgt. Plastikstühle stehen an Plastiktischen – die Sitzgelegenheiten reichen jedoch bei weitem nicht aus. Mitarbeiterinnen der Firma bitten die Gäste um deren Unterschriften auf einem Dokument, das niemand kennt und um das die meisten einen weiten Bogen machen. Was wird nun folgen? Wird für Arbeit und Einkommen gesorgt, oder wird auch dieses Unternehmen nur auf die natürlichen Vorkommen scharf sein und sich nicht um die sozialen Bedürfnisse der von ihr heimgesuchten Gemeinde scheren?
Als die meisten der Stühle besetzt sind und noch immer zahllose Menschen um den Pavillon stehen, ergreift eine kleine Frau das Mikrofon und sogleich das Wort. Sie trägt eine weiße Bluse, enganliegende Jeans und Schuhe, die aussehen, als würden sie einige Kilos wiegen. Ihre Stimme ist fest, ihr Blick direkt – und die Frisur sitzt. Im Kurzdurchlauf erklärt sie, worum es heute geht. Stellt den Ablauf der heutigen Veranstaltung vor: Fragen und Einwände kommen ganz am Schluss.
Doch bevor der Experte von CODELCO richtig anfangen kann mit seinem Diskurs, wird er unterbrochen: Die Präsidentin der Gemeinde García Moreno, zu der auch El Paraíso gehört, baut sich neben ihrer Vorrednerin auf, die sich im Gegensatz zur lokalen Autorität geradezu winzig ausnimmt. Der Chilene, der eigentlich an der Reihe ist mit dem Reden, verstummt und vergisst in seiner Überraschung ganz, der Gemeindepräsidentin das Mikrofon zu reichen. Diese empört sich auch ohne elektronische Hilfsmittel lautstark: Wie es sein könne, dass die örtlichen Autoritäten nicht über derlei Treffen informiert würden. Für wen man sich halte, wenn man der Bevölkerung und sowie Vertreterinnen und Vertretern die dreihundert Seiten starke Schrift über die Ergebnisse der Untersuchung vorbehalte. Wie man ein Verhalten rechtfertige, das ganz offensichtlich ganz und gar nicht mit der Verfassung in Einklang zu bringen ist. Und während die lokale Autorität fragt und wettert, erweckt die Zuhörerschaft zum Leben. Die wütende Frau wird beklatscht und bejubelt, die Repräsentanten des Unternehmens müssen sich zahllose Vorwürfe anhören Am häufigsten den, dass sie das Mikrofon nicht an die aktuelle Rednerin weiterreichen – was sie jedoch zu keinerlei Reaktion veranlasst.
Nach einigen Minuten glätten sich die Wogen. Der chilenische Gast kann seinen Vortrag halten, und auch die anderen Redner kommen noch zu Wort. Das Vorhaben sei im Grunde ganz einfach: Man würde zunächst drei bis zehn Bohrungen vornehmen, jeweils bis zu fünfhundert Meter ins Erdreich. Diese Bohrungen dienen der Bestätigung der Metallvorkommen im Boden. Sollte man dabei nicht fündig werden, wäre das Unternehmen bereits beendet. Bei nennenswerten Kupfer- und/oder Goldvorkommen stünde hingegen die nächste Etappe an: Die Bohrung von bis zu achtundfünzig weiteren Löchern. All dies sei ganz einfach und vollkommen ungefährlich: Es würde im ersten Schritt nur eine kleine Maschine eingesetzt, für den möglichen zweiten Abschnitt würden insgesamt maximal vier Maschinen ausreichen. Diese Maschinen würden mit Diesel betrieben, weitere für die Umwelt schädlichen Stoffe würden nicht eingesetzt. Dennoch würde man darauf achten, dass jede Maschine auf einer Geomembran stehe, um dafür zu sorgen, dass kein einziger Tropfen Diesel ins Erdreich sickern kann. Natürlich würde man keine Bäume fällen, und nach Abschluss der Arbeiten würde man sogar neue Pflanzen sähen auf den kleinen Flächen, die sieben mal sieben Meter messen und für jede der Bohrungen von Vegetation befreit werden müssen. Weder für Flora noch für Fauna bestünde also Gefahr – abgesehen davon handele es sich bei der Fläche, auf der die Bohrungen unternommen werden sollen, sowieso nur um Weideland und Sekundärwald.
Nach dem Vortrag wird den Zuhörerinnen und Zuhörern das Wort erteilt. Haben sie Fragen? Haben sie Bedenken? Oder gar Vorschläge? Allgemeines Schweigen macht sich breit, so still war es an diesem Nachmittag noch nicht. Nur ein älter Herr mit langem, weißen Haar und einem wild wuchernden weißen Vollbart steht auf. Als er das Mikrofon ergreift, dringt ein unverständlicher Wortschwall aus seinem Mund heraus, über Mikrofon und Lautsprecher in die Gehörgänge aller Anwesenden. Spricht er englisch oder spanisch? Erst nach einigen Sekunden bekommt er Atem und Zunge unter Kontrolle und setzt nach einer kurzen Pause wieder an. Er spricht spanisch, mit einem nicht zu verkennenden nordamerikanischem Einschlag. Warum habe man ihn als Besitzer des Naturreservates »Los Cedros« nicht ein einziges Mal gefragt oder zumindest über das Vorhaben des Unternehmens in Kenntnis gesetzt? Immerhin liege sein Grundstück zum Teil auf der achthundert Hektar messenden Fläche, die von den Bohrungen betroffen sein würde. Das, stellt der chilenische Spezialist klar, stimme so nicht ganz: Immerhin könne man das aus unterschiedlichen Perspektiven sehen – je nachdem, ob man mit Metern oder Kilometern messe. Verblüffung im Publikum, lautes Lachen – auch das mit Akzent – seitens des Besitzers des Naturschutzgebietes. Das Eis ist gebrochen, unzählige Arme werden in die Luft gestreckt, als die kleine Dame fragt, ob mehr Klärungsbedarf bestehe.
Im weiteren Verlauf der Befragung wird der anwesende Vertreter der Provinzregierung als ahnungsloser und unwichtiger Herr enttarnt, der nicht etwa die Aufgabe hat, die Regierung zu vertreten, sondern eine simple Einladung vom Unternehmen erhalten hat. Ein weiterer Herr gibt das Mikrofon ganz schnell wieder ab, als er zu einer Antwort anheben möchte und man ihn fragt, wer er eigentlich sei und welche Position er bekleide. Für ihn springt ein anderer in die Presche. Er soll der einzige an diesem Nachmittag bleiben, der das Minenunternehmen nicht aussehen lässt wie einen Haufen ahnungsloser und frecher Emporkömmlinge. Das Gelächter ist groß, als der ratlose Politiker auf die Frage nach der Rechtmäßigkeit des Vorgehens des Unternehmens keine Antwort findet und ein paar komplett unangebrachte Worte ins Mikrofon stammelt. Die Frage, was genau denn so ungefährlich sei an dem Vorhaben, wenn erstmal arsenhaltiges Grundwasser in die Bäche laufe und was genau die Begrünung der Flächen um die Bohrlöcher bringen würde, wenn mitten durch das Grün giftiges Wasser aus dem Bohrloch pulsiert. Auch noch nach fünfzehn Jahren, wie in Junín, wird vom Gast aus Chile weise beantwortet: Man habe nicht vor, Arsen bei den Arbeiten einzusetzen. Und was, wenn man fündig würde? Würde man dann wieder abziehen, mit den kleinen Maschinen und die Bohrungen Bohrungen sein lassen? Oder habe man vor, dann mit anderen Kalibern anzurücken, um riesige Löcher in die Berge zu reißen und tausende Tonnen wertvoller Bodenschätze abzutransportieren? Eine Antwort gibt es darauf nicht. Nicht heute.
Einige junge Männer und Frauen bahnen sich ihre Wege durchs Publikum, um den vom Bergbauunternehmen gesponserten Snack zu servieren. Es gibt Sandwich mit geschmacklosem Etwas – Putenbrust? –, ein paar Süßigkeiten und eine kleine Coca-Cola für jeden. Übrig bleibt jeweils eine leere Einwegplastikflasche, ein Plastikteller und eine kleine Plastiktüte. Da haben die Herren Biologen ganze Arbeit geleistet.
Und in der Tat können sie, genau wie ihre Kollegen Geologen und die Marionetten aus der Politik, zufrieden nach Hause fahren: Sie wissen zwar, dass sie niemals willkommen sein werden in dem Dorf und dass es im Augenblick gar nicht gut aussieht für das Vorhaben in El Paraíso. Aber sie haben das Wichtigste erreicht: Die wenigen Bewohnerinnen und Bewohner der Gegend, die den Bergbau als arbeitsplatzschaffende Maßnahme begrüßen, haben bereits für viel Unmut gesorgt, und wenn nicht ganz genau aufgepasst wird, wie es weitergeht, steht auch die Bevölkerung von El Paraíso vor der Teilung in zwei Lager. Wenn es erst einmal so weit ist, dass die Menschen vor Ort sich untereinander anfeinden und bekämpfen, ist es ein leichtes für das Unternehmen, all seine Vorhaben in die Tat umzusetzen. Beim Gedanken an den heftigen Streit zwischen Don Julio, einem drahtigen Sechzigjährigen aus El Paraíso, und seinem Sohn werden die Angestellten von CODELCO und ihre Verbündeten noch einige Zeit zufrieden einschlafen können.
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