lunes, 1 de noviembre de 2010

Detox before you retox!

EIN PAAR TAGE sind ins Land gezogen seit meinem letzten Blogeintrag. Und es ist viel passiert seitdem!
Zunächst war ich noch mit der Gruppe von Carpe Diem beschäftigt. Am Dienstag fand eine kleine Wanderung statt: Es ging ins Tal an den Fluss, und dem Strom folgend nach Apuela. Während dieser Wanderung wurden junge Bäume eingesammelt, um auf Peters Finca eingetütet zu werden: In nicht allzuferner Zukunft werden diese Bäume auf Peters Finca oder im Gemeindewald eingepflanzt. Ich war an diesem Vormittag nicht mit an Bord: Ich hielt es für eine schlechte Idee, mit Husten und generell etwas geschwächt bei Regen und vergleichweise niedrigen Temperaturen zu wandern.

Am Mittwoch fanden wir uns alle auf Peters Finca ein. Ein Teil der Gruppe war mit dem Eintüten der am Dienstag eingesammelten Bäume beschäftigt, ich war mit dem anderen Teil der Gruppe unterwegs: Wir pflanzten Bäume auf einer Weide, die Peter so bald wie möglich komplett aufforsten möchte. Die Arbeit war nicht sonderlich anspruchsvoll – mit Hacken ausgestattet gruben wir Löcher, in die die Bäume gesetzt wurden. Den vielen großen Spinnen und -netzen auszuweichen, war wohl die größte Herausforderung. Aber: Die körperlich auf Dauer doch anstrengende Arbeit hat sehr gut getan, und nebenbei konnte ich mich gut und nett mit den gringas und gringos unterhalten und so mein Englisch in Schuss halten!

Am Donnerstag fuhren Peter und ich mit der Gruppe zunächst nach Apuela. Dort schauten wir uns die Fabrik der AACRI an. Die AACRI – Asociación Agroartesanal de Caficultores Río Íntag – ist eine Organisation, die den Kaffee von rund vierhundert Kaffeefincas zu fairen Preisen einkauft und direkt (also ohne teure Zwischenhändler) exportiert. Wir bekamen erklärt, wie der Kaffee in unterschiedliche Klassen eingeteilt wird, welche Behandlung er in Apuela bekommt und welche Auswirkungen Fair Trade und Bio-Zertifikate auf die Produktionen haben. Interessant ist, dass die AACRI neben dem Kaffee an sich auch andere Produkte herstellt: Es geht hier vor allem um Permakultur, also darum, die Umgebung so zu nutzen, wie sie ist, ohne stark in sie einzugreifen – statt Dünger und andere Chemikalien zu verwenden, die erstens teuer und zweitens nicht gut für Mensch und Natur sind, sucht die AACRI nach Möglichkeiten, Pflanzen aus der Gegend für das Düngen und den Schutz der Pflanzen zu nutzen. Manche Pilze, die an bestimmten Pflanzen Schaden anrichten, können andernorts als Dünger angewandt werden. Und allein dieses Wissen bringt der AACRI auch finanzielle Gewinnen ein, da diese »Natürlichen Chemikalien« an andere Unternehmen verkauft werden.

Später fuhren wir auf die andere Seite des Íntagtals: In Cuellaje gab es zunächst eine kleine Führung auf einer Finca. Dort wird der Mist der zwei Schweine genutzt, um Biogas zu gewinnen. Dazu ist lediglich ein zehn Meter langer »Schlauch« notwendig, durch den der Mist fließen kann: Das Gas wird freigesetzt und kann sofort zum Kochen verwandt werden! Beeindruckend war auch, in welchem Zustand die vielen Plantagen und Beete waren – Terrassenbeete, die allein durch das Pflanzen von Zuckerrohr entstehen, Bäume, die in nur fünf Jahren eine Höhe von zehn bis fünfzehn Metern erreichen und dabei dennoch kein schlechtes Holz produzieren... Später erwartete uns ein leckeres Mittagessen, dessen Highlight das Hühnerhirn war, das ich mir schmecken lassen durfte. Im Anschluss daran wanderten wir nach Apuela zurück. Der Weg führte uns ziemlich steil ins Tal hinab – so schnell habe ich fünfhundert Höhenmeter wohl noch nie zu Fuß zurückgelegt!

Am Freitag, nachdem wir bei den Bädern von Nangulví übernachtet hatten, fuhr die Gruppe über Santa Rosa und Otavalo nach Quito, um am Folgetag die Reise nach Lima anzutreten. Ich blieb in Pucará: Am Nachmittag kamen Polly und Valentin. Polly habe ich vor ein paar Wochen kennengelernt, als sie Peter auf dessen Finca besucht hat. Sie kommt aus München, lebt in Glasgow und arbeitet seit diesem Frühjahr in Cayambe im Wall Street Institute als Englischlehrerin. Nach Pucará kam sie, um uns, oder besser: den Lehrerinnen der Spanischschule einen Workshop anzubieten. Das Thema: Lehren lernen. Das hielten Peter und ich für notwendig, da die vier jungen Frauen, die in der Spanischschule arbeiten, nur in der Schule gesehen und gelernt haben, wie Lehrerinnen und Lehrer arbeiten. Von Pädagogik wissen sie eigentlich nichts, und wie sie als Lehrerinnen auftreten können, ist ihnen auch nicht unbedingt bewusst. Wenn sie also auf das in ihrer Schulzeit erworbene Wissen zurückgreifen, um Ausländern die spanische Sprache näherzubringen, kann der Spanischschule nur ein baldiges Ende bevorstehen!

Valentin ist ein anderer weltwärts-Freiwilliger, der in Tabacundo auf einer Finca und in einer Schule arbeitet. Er wollte am Workshop teilnehmen, um etwas für seine Arbeit in der Schule zu lernen.

An dem für Samstag und Sonntag vorgesehenen und seit langem angekündigten Workshop nahmen dann schließlich und endlich zwei der vier Lehrerinnen teil. Das Geld, dass mit Spanischstunden verdient werden kann, wird zwar gerne gesehen, aber gerade den beiden jüngeren Lehrerinnen – Tania und Anita sind beide noch keine zwanzig Jahre alt – scheint nicht bewusst zu sein, dass sie auch Zeit und Energie aufbringen müssen, wenn sie als Lehrerinnen Geld verdienen wollen... Damit die Veranstaltung nicht zu traurig würde, haben wir kurzerhand andere junge Leute gefragt, ob sie nicht Interesse hätten, an dem Workshop teilzunehmen, und so wurde Pollys Fortbildung doch noch zu einem kleinen Erfolg.

Nach dem Ende des ersten Teils des Workshops fuhren Polly, Valentin und ich nach Peñaherrera. Das liegt rund fünf Kilometer jenseits von Apuela, quasi gegenüber Pucarás auf der anderen Seite des Tals und ist ein wirklich schönes Dorf. Wir fuhren dorthin, weil man mich hatte wissen lassen, dass es an jenem Abend Kino geben würde: Eine kleine Gruppe von Franzosen lebt seit kurzem in Peñaherrera und bietet Workshops rund ums Thema Film an, mit dem Ziel, Kurzfilme zu produzieren, die dann auch auf europäischen Filmfestivals gezeigt werden sollen. Und diese Gruppe zeigte am Samstagabend das ecuadorianische Roadmovie »Qué tan lejos?«. Der Film ist zwar nicht außergewöhnlich und ich hatte ihn schon in Deutschland gesehen – aber allein die Tatsache, dass es eine Veranstaltung geben würde, die an Kino erinnern würde, hatte uns in große Aufregung versetzt und uns sehr gefreut!

Am Sonntagmorgen ging es zurück nach Pucará. Die kurze Fahrt war aufgrund der tollen Blicke ins Tal und auf Apuela toll, und dass der Herr, der den Fahrpreis einsammelte, in der Schweiz gearbeitet hatte und ein paar Brocken Deutsch mit uns sprach, war auch sehr unterhaltsam. Nach dem zweiten Teil des Workshops stiegen Polly, Valentin und ich in den Bus nach Otavalo. Valentin fuhr nach Tabacundo zurück, Polly begleitete mich nach Ibarra. Dort aßen wir ein etwas enttäuschendes Eis in einem vielgelobten Eiscafé – diese Wissenschaft scheinen sie in Ibarra aber nicht so sehr zu beherrschen. Später trat Polly die Heimfahrt nach Cayambe an, während ich auf den Bus wartete, der mich über Nacht nach Portoviejo bringen sollte: Von dort nahm ich einen Bus nach Canoa, wo Águeda auf mich wartete. Águeda arbeitet in Pucará im Proyecto Oso Andino als Koordinatorin und nutzte die zwei Wochen ohne Freiwillige, um an die Küste zu fahren.

Das erste, was mir an der Küste auffiel, war der neue Dialekt: Im Hochland neigen die Menschen dazu, viele Vokale nicht auszusprechen. Statt »pues« heißt es hier beispielsweise »ps«; die Konsonanten sind sozusagen wichtiger als die Vokale, was auf das Quechua zurückzuführen ist. An der Küste ist es umgekehrt: Viele Konsonanten werden verschluckt, insgesamt wird schneller gesprochen und undeutlicher. Im Hochland nennt man die costeños abfällig »monos«, zu deutsch: Affen – womit man in erster Linie die Afroecuadorianer meint. Als ich den Dialekt der Küstenregion hörte, konnte ich diesen Spitznamen nachvollziehen; allerdings glaube ich, dass es sich bei der Bezeichnung um einen ziemlich deutlichen Ausdruck des Rassismus handelt und nicht um eine Anspielung auf den sonderbaren Dialekt.

Am Montagvormittag kam ich also in Canoa an. Das ist ein kleines Fischerdorf, in dem der Tourismus erst seit kurzem nennenswerte Ausmaße annimmt. Jetzt, in der Nebensaison und bei fast immer grauem Himmel, wirkt der Ort etwas trist und verlassen: Viele Bars am Strand sind geschlossen und die vielen jungen Männer, die sich in der Hochsaison die Zeit mit dem Verkauf und Konsum von Drogen und ausländischen Schönheiten vertreiben, wissen nichts mit sich anzufangen und sitzen gelangweilt am Straßenrand. Águeda und ich faulenzten vor allem, spazierten den breiten Sandstrand entlang und genossen die Leckereien, die das Meer zu bieten hat.

Am Dienstag entschlossen wir uns recht spontan, keine zweite Nacht in Canoa zu bleiben und fuhren gen Norden. Zunächst ging es mit dem Bus nach Pedernales. Dort gab es auf dem Busbahnhof Ananaseis für fünfundzwanzig Cent – und dieses Eis war Welten besser als das, das ich am Sonntag in Ibarra gegessen hatte! Diesen Leckerbissen hatten wir uns jedoch auch redlich verdient: Die Busfahrt von Canoa nach Pedernales war ziemlich heftig, weil schnell und somit lebensgefährlich. Ab Pedernales ging es in einer ranchera weiter, die nicht viel langsamer fuhr als der Bus zuvor. Doch diese Fahrt war sehr angenehm, an der frischen Luft der Abendstunden. Spektakulär war der junge Mann, der das Geld für den Transport einsammelte: Der hangelte sich außen am Bus entlang, was äußerst gefährlich aussah... Am Ende kamen wir bis Tres Vías, wo es ein eher bescheidenes Abendessen und kühles Bier gab. Neben unserem Zimmer nächtigten zu beiden Seiten Ecuadorianer, die die ganze Nacht Fernseher und Radio laufen ließen, was vor allem Águeda zu nächtlichen Wutausbrüchen veranlasste.

Doch auch diese Nacht ging vorüber, und Águeda und ich traten den Weg nach Mompiche an. Dieser Ort ist ähnlich klein und touristisch wie Canoa, und auch hier musste ich ab und zu an Geisterstädte aus Westernfilmen denken. Gleichzeitig war ich aber auch dankbar dafür, dass den Ort nicht mit hunderten von Touristen teilen zu müssen! In Mompiche fanden wir ein sehr nettes Hostal, das bezeichnenderweise nicht von Ecuadorianern geführt wird. Von dort konnten wir den Ort in wenigen Minuten erkunden – viel gab es nicht zu sehen! Interessanter war es, den Fischern zuzusehen, die vormittags die Netze an den Strand zogen, unterstützt von vielen Dorfbewoherinnen und Dorfbewohnern: Am Strand wurden dann die unbrauchbaren Fische aussortiert und weggeworfen, während die guten Fänge unter den Anwesenden verteilt wurden. Águeda und ich fanden auf diese Weise Beschäftigung: Wir beförderten die aussortierten Fische, die am Strand zu verenden drohten, zurück ins Meer. Es handelte sich dabei hauptsächlich um sehr kleine und um Kugelfische. Letztere stellten uns jedoch vor Probleme: Wenn sie am Strand liegen und um ihr Leben fürchten, neigen sie dazu, sich aufzublasen, was dazu führt, dass ihre giftigen Stacheln zu allen Seiten abstehen. Wir rollten die Fische also mit Hilfe unserer Schuhe ins Meer, was auf die Fischer und die anderen Menschen sehr komisch gewirkt haben muss: Diese verrückten Ausländer, die die unnützen Fische ins Meer zurückbringen...

Neben Kugelfischen, Rochen und anderen Exoten könnten wir in Mompiche außerdem Pelikane sehen und Vögel mit blauen Füßen. Ansonsten waren die Meeresfrüchte vor allem im Essen angenehm; auf Schildkrötenfleisch muss ich weiterhin warten.

Am Donnerstag trat ich den Rückweg an. Águeda entschloss sich spontan dazu, mich zu begleiten: Es ging nach Cayambe, wo Polly am Freitag ihren Geburtstag feiern würde. Von Mompiche ging es nach Tres Vías und von dort nach Esmeraldas. Von dort wollten wir einen Bus nach Ibarra nehmen, was sich jedoch als unmöglich herausstellte. Stattessen mussten wir nach Atacames zurückfahren, von wo es über Quito fast bis nach Cayambe ging. Dort kamen wir am Freitagvormittag an.

Cayambe liegt zwischen Quito und Otavalo auf zweitausendachthundert Metern über dem Meeresspiegel am Fuß des Cayambe-Vulkans inmitten von unzähligen Rosenplantagen. Berühmt ist die Stadt in Ecuador jedoch nicht nur für diese Blume, die in riesigen Mengen in die ganze Welt exportiert wird, sondern auch für die biscochos eine Art Keks, die allerorten verkauft wird. Ich fand vor allem den immer weißen Gipfel des Cayambe beeindruckend.

Ursprünglich hatte ich vor, Polly einen leckeren Geburtstagskuchen zu backen. Das sollte jedoch nicht möglich sein: Es gab keinen Ofen. Auf meine Frage, ob denn irgendein Bekannter einen Ofen haben würde, bekam ich die Auskunft, dass es in Cayambe generell sehr schwierig sei, zu backen – es gebe kaum Gas in der Stadt! Offenbar kaufen Schmuggler die gesamten staatlichen (und subventionierten) Gasvorräte auf – die Flasche kostet keine zwei Dollar! –, um sie in Kolumbien zu verkaufen. Für schlappe dreißig Dollar pro Flasche! Wer in Cayambe Gas will, muss sich stundenlang in einer Schlange anstellen und hoffen, dass es am Ende noch Gas gibt. Angeblich finden in diesen Warteschlangen regelmäßig Schlägereien statt: Ohne Gas kocht es sich in einer Stadt, in der wenig Brennholz zu finden ist, eben nur schlecht. Am Ende gab es Blaubeerpfannkuchen, die ein kulinarisches Highlight in meinem bisherigen Ecuadoraufenthalt darstellten!

Ansonsten gab es an Pollys Geburtstag nicht sehr viel zu feiern: Polly war noch etwas angeschlagen, nachdem sie die Tage zuvor krank gewesen war. Und im Wall Street Institute fand eine Halloweenparty statt, zu der Polly gehen musste. Highlight am Freitag war das Licht kurz vor Sonnenuntergang: Alles färbte sich gelb, eine komische Stimmung lag in der Luft. Alles erinnerte an Alien- oder Weltuntergangsfilme. (Im Fotoalbum gibt es ein Bild, das die Stimmung ganz gut wiedergibt – die Farben waren wirklich so, der merkwürdige Farbstich liegt nicht am Weißabgleich!)

Am Samstag gingen Polly und ich ins Schwimmbad, was eine Wohltat war. Später standen weitere Halloweenveranstaltungen auf dem Programm. Zunächst saßen wir jedoch noch im Café el Jinete: David und Michelle, Kinder einer ecuadorianerin Mutter und eines pakistanischen Vaters und Mitbewohner von Polly, zogen vor dreieinhalb Jahren aus London zurück in die Heimat ihrer Mutter und eröffneten dieses Café. Die beiden sind durch und durch europäisch und haben ihren Laden dementsprechend eingerichtet – wie angenehm es ist, wenn mal eine andere Musik läuft als der immergleiche Raggaeton-Bachata-Mix!

Die Halloweenparty, zu der wir später gingen, war von Cayambes populärsten Friseur organisiert worden. Der ist schwul und tritt offensichtlich für die Rechte der homosexuellen Minderheit in Ecuador ein: Die Party bestand im Wesentlichen aus einer Misswahl – alle Kandidatinnen waren früher einmal Männer gewesen und leben inzwischen als Frauen. Ihre Reden waren von recht kämpferischen Ausrufen geprägt, die deutlich machten, dass ihnen einiges bis alles daran gelegen war, das Schwul- und Anderssein in Ecuador zu etwas Normalem zu machen, frei von Diskriminierung und Unterdrückung. Ich fand es beeindruckend, in Ecuador eine derartige Veranstaltung zu erleben, weil die Bevölkerung im Großen und Ganzen sehr katholisch und dementsprechend streng und voreingenommen ist.

Am Sonntag fuhr ich mit Águeda nach Otavalo, um mich über die erneute Tabellenführung zu freuen und einen Bus nach Pucará zu nehmen. Als wir dort ankamen, war ich sehr überrascht ob der vielen Menschen im Ort. Wegen des día de los difuntos, dem Tag der Toten, sind Montag, Dienstag und Mittwoch Feiertage, was viele Menschen nutzen, um ihre Familien zu besuchen. Viele derer, die Pucará auf der Suche nach Arbeit verlassen haben, sind die Tage also hier. Águeda und ich gingen am Abend in den paradero, wo es an den Wochenenden immer Grillfleisch gibt und Zuckerrohrsaft mit Zuckerrohrschnaps. Auch dort war am Abend sehr viel los: Es wurde Gitarre gespielt und gesungen, getanzt und viel getrunken. Und ich wusste wieder, warum ich Lateinamerika so mag.

Gleich gehe ich wieder dort hin...

miércoles, 20 de octubre de 2010

Besuch aus Gringolandia

WÄHREND DIE MÄUSE mein Zimmer auseinandernehmen und das Zeitungspapier, das verhindern soll, dass Wind und Feuchtigkeit durch die Ritzen zwischen den Brettern, die die Wände bilden, eindringen, auffressen, warte ich darauf, dass sich mein Husten verflüchtigt – wobei ich mich auch nicht so schone, wie ich das vielleicht tun sollte: Am Wochenende habe ich Íntag wieder einmal den Rücken zugekehrt, um das bescheidene Nachtleben Otavalos zu genießen, und seit Sonntag ist eine Gruppe von gringos hier, die ich nach Möglichkeit begleite.

Es handelt sich um eine dreizehnköpfige Gruppe der Organisation »Carpe Diem«. »Carpe Diem« bietet Reisen in Länder wie Nicaragua, Ecuador, Tansania, Thailand etc. an – die Gruppe, die jetzt in Pucará ist, wird Ecuador am Freitag nach sechs Wochen verlassen, um weitere sechs Wochen in Peru zu verweilen. Das Programm bewegt sich, soweit ich das bisher in Erfahrung bringen konnte, zwischen Sprachschule, Sightseeing und Feldarbeit. Es geht, so ließ man mich wissen, darum, einmalige und unbezahlbare Erfahrungen zu sammeln. Wobei der Kostenpunkt ziemlich deutlich und nah dran an unbezahlbar ist: Stolze achttausend Dollar bezahlen die jungen Leute für drei Monate Ferienprogramm. (Wobei man meine Frage, ob das eine Beschäftigung für die Ferien sei, ganz klar verneint hat: Es handele sich nicht um Ferien, sondern um Erfahrungen!) Vermutlich kosten die neun Monate, die ich in Pucará bin, weniger – obwohl der Flug von den Staaten nach Ecuador und Peru deutlich günstiger ausfallen dürfte...

Zurück zu den gringos: Am Montag fuhren wir, gemeinsam mit einigen pucareños, in den Gemeindewald. Der liegt ein paar Kilometer nordöstlich des Dorfes und ist dessen Lebensversicherung – von dort kommt das Wasser, das in Pucará aus der Leitung kommt. Um die Wasserversorgung sicherzustellen, ist es dringend notwendig, dass der Bereich des Gemeindewaldes nicht dem Kahlschlag zum Opfer fällt: Ohne Bäume, die das Wasser im Erdreich binden, kein Wasser! Unsere Aufgabe war dementsprechend die Wiederaufforstung. Ob das Sinn machen würde, fragten sich nicht wenige beim Anblick des durchaus dicht bewachsenen Hügels – nach Peters Auskunft tut es das: Auch bereits bewaldetem Gelände könnten ein paar Bäume mehr nicht schaden, da auch sie Wasser bänden und Wasserversorgungsengpässen (wie kürzlich beschrieben) vorbeugten.

Wir stiegen also, mit Schaufeln und Setzlingen in Plastiktüten bepackt, den Berg hinauf, in immer dichteres Dickicht, um unsere kostbare Last zu vergraben. Insgesamt liefen wir vermutlich mehr als dass wir arbeiteten, und zumindest der Trupp, mit dem ich ging, brachte nicht so viele Bäume ins Erdreich – insgesamt konnten wir aber immerhin rund fünfhundert Setzlinge einpflanzen.

Mit der Wiederaufforstung hatte auch die Aufgabe zu tun, der sich die Gruppe am Dienstag gewidmet hat, dieses Mal ohne mich: Sie folgten dem kleinen Pfad zum Fluss unterhalb Pucarás, um von dort nach Apuela zu laufen. Auf dem Weg sammelten sie kleine Bäumchen am Wegrand ein, um sie nach Pucará zu bringen, wo die Setzlinge in die besagten schwarzen Plastiktüten eingepackt werden, um weiterzuwachsen, bevor sie in nicht allzuferner Zukunft der Wiederaufforstung Íntags dienen werden!

Die Plastiktüten... Der Ecuadorianer an sich scheint ein großer Freund dieser Errungenschaft unserer Wegwerfgesellschaft zu sein. Angeblich verbraucht jede Ecuadorianerin und jeder Ecuadorianer acht Plastiktüten am Tag! Die wenigsten davon kommen vermutlich in der Wiederaufforstung zum Einsatz: Auch wenn ich ein Brötchen kaufe oder eine Banane oder eine Packung Kekse, wird mir in der Regel eine Plastiktüte für den komfortablen Transport angeboten. Essen, das am Straßenrand verkauft wird, erhält man normalerweise in kleinen, gelben Plastiktütchen oder silbernen Plastikschalen. Und all dieses Plastik endet dann am Straßenrand oder auf einem Feld oder in einem Bach. Es schadet ja keinem... Aber so widersprüchlich wie im Gemeindewald hatte ich die Situation bis dato noch nicht wahrgenommen: Einerseits ist man sich irgendwie dessen bewusst, dass uns die Natur nicht endlos versorgt, wenn wir uns nicht um sie kümmern oder sie zumindest schonen – und pflanzt Bäume, um die Wasserversorgung zu sichern. Anderseits hinterlässt man selbst im dichtesten Gestrüpp eine Plastiktüte nach der anderen – und jede einzelne dieser Plastiktüten wird über kurz oder lang ihre kleinen Spuren im Trinkwasser hinterlassen!

Es wird sicherlich noch eine Weile dauern, bis sich in dieser Hinsicht etwas ändert. Zu tief sitzt der Glaube, dass Plastik ausschließlich gut ist: Der Rauch, der entsteht, wenn man Plastikmüll verbrennt, ist sicherlich nicht giftig! Plastik ist so stabil, dass es in der Natur keinen Schaden anrichten kann, weil es sich nicht zersetzt. Die Coca Cola Company hilft aber auch kräftig mit und liefert ihre Getränke am allerliebsten in Einwegplastikflaschen. Auf denen steht dann: »Mit dieser Verpackung machen wir Ecuador noch ein bisschen besser!« Und daneben: »Einwegflasche« Humor haben die Damen und Herren bei dieser kleinen und sympathischen Firma offensichtlich! Und Recht: Wie öde wäre der Nebelwald ohne diese bunten Plastikwimpel, die an den Bäumen und Sträuchern am Straßenrand hängen!?

Wäre das Plastik in meinem Zimmerchen zum Einsatz gekommen, zur Abdichtung der Holzwände – ich wäre so dankbar, weil die Mäuse daran sicherlich nicht so viel Interesse zeigen würden! Stattdessen riecht meine Wäsche ab und zu nach den Plastikdämpfen, wenn ich sie abhänge...

Bis Íntag tot ist, dürften aber noch einige Jahre ins Land ziehen. Noch wimmelt es hier von Kolibris, meinen Lieblingsvögeln: den horeros, die angeblich zu jeder vollen Stunde singen und dabei klingen wie durchdrehende Babies – und von Jaguarundis: Ich habe nachgeschaut, welches Tier mir da vor kurzem über den Weg gelaufen ist. Es war der hier, also kein Wickelbär. Aber danke für die Recherche, Andy!

miércoles, 13 de octubre de 2010

Im Krankheitsfall

JEDES MAL, WENN ich krank bin, schlägt sich das auch auf meine Stimmung nieder. Im Augenblick bin ich wieder am Kränkeln; es ist nichts Schlimmes, vielleicht eine Grippe oder so. Und ich bin genervt: Weil ich weiß, dass ich sicherlich kerngesund wäre, wenn ich hier nur halbwegs ordentlich essen würde – und nicht Reis und Kartoffen tagein, tagaus. Da bleibt mir ja nichts Anderes übrig, als über Kurz oder Lang krank zu werden! Was ich auch weiß: Dass ich über diesen Gedanken nur müde lächeln können werde, wenn ich wieder fit bin. Hätte ich letzten Samstag nicht so lange mit anderen Freiwilligen in der Kälte gesessen und Schnaps getrunken, ginge es mir jetzt vielleicht besser. Aber: Ich war davor schon angeschlagen. (Was das Ganze nicht besser macht.)

Gestern war ich wieder bei Doña Empera zu Gast, um endlich die seit langem versprochenen Kartoffelpuffer zu brutzeln. Ich habe mir vorgenommen, in jeder Familie einmal zu kochen – das klingt zwar wenig, aber das Kochen hier ist gar nicht so einfach: Was nicht an den Zutaten, die hier nicht unbedingt zu bekommen sind, scheitert, muss noch irgendwie in den interessant ausgestatteten Küchen improvisiert werden! Also: Kartoffelpuffer für den Anfang. Doña Empera hat zunächst interessiert zugeschaut und ein paar Äpfel für das Apfelmus geschält, bevor sie zu Mittag gegessen hat. Das irritierte mich erst, doch dann war ich erleichtert: Ein Essen ohne Reis ist (hier) keine echte Mahlzeit; das werde ich nicht aus den Köpfen Pucarás verbannen können. Und nach ihrem ersten Mittagessen hatte Doña Empera sozusagen die Bürde von mir genommen, ihr und Don Manuel ein vollwertiges Mittagessen zuzubereiten. Mein Nachtisch hat die beiden offenbar sehr zufriedengestellt – was Vicente davon hielt, weiß ich nicht, weil der erst später kam.

Aber ganz zufrieden kann ich mit dem Essen nicht sein: Als ich neulich in Otavalo war, habe ich die Äpfel für das Apfelmus eingekauft, weil ich mich nicht auf den Markt von Apuela verlassen wollte. Als ich die Äpfel gestern ausgepackt habe, musste ich mit Entsetzen feststellen, dass sie von der Dole Company waren. Dieses freundliche Unternehmen besitzt in Nicaragua große Bananenplantagen, auf denen lange mit Nemagon gedüngt wurde. An Nemagon erkrankten viele der Arbeiterinnen und Arbeiter, Kinder kamen behindert zur Welt, Männer wurden zeugungsunfähig. Dole wurde von einem US-amerikanischen Anwalt lateinamerikanischen Ursprungs verklagt – und zur Kasse gebeten. Die Freude über den Erfolg währte jedoch nur kurz: Die Obstgiganten schafften es, dem Anwalt erfolgreich die Fälschung von Beweismitteln zu unterstellen. Und inzwischen ist es in den Vereinigten Staaten von Amerika verboten, dass Männer und Frauen, die weder die US-amerikanische Staatsbürgerschaft innehaben noch in den USA leben, Anklage gegen Personen oder Unternehmen aus den USA erheben. So weit der kleine Dole-Exkurs. (Das Apfelmus war trotzdem lecker...)

Was mach an das Kinderbuch »Wo die wilden Kerle wohnen« erinnert, das mit dem schönen Teilsatz »... und es war noch warm.« endet: Das gibt es seit neuestem auch in Apuela (»Donde viven los monstruos«), sodass ich mir dachte, dass es vielleicht auch den Kindern in Pucará gefallen könnte. In Ecuador werden zwar auch Kinderbücher verfasst, illustriert und bedruckt, aber sie weisen eine ganz andere – inhaltliche und gestalterische – Ästhetik auf, erinnern eher an Zeichentrick- und Kinderfernsehsender als an Kinderbücher. Da ist oft alles schrill und grell und knallig und irgendwie laut. Und die Kindern hören nicht zu, wenn man ihnen diese Bücher vorliest. Anders bei den wilden Kerlen: Die haben ihnen offensichtlich gefallen und sie auch, zumindest für die Dauer der Geschichte, beruhigt!

miércoles, 6 de octubre de 2010

WAR DAS SCHÖN, als sich am Sonntagabend ein Moment der Zufriedenheit einstellte: Bisher war ich immer etwas beunruhigt und nicht ganz zufrieden gewesen, weil ich von meinen Aufgaben in Pucará nicht so ganz überzeugt war. Woher genau diese Zufriedenheit nun genau kam, kann ich gar nicht erklären.

Lag es an dem ereignisreichen Wochenende? Ich war am Donnerstag nach Otavalo gefahren, um dort zu entscheiden, dass ich am Freitag nicht nach Quito reisen würde: Wegen einer Kunstausstellung wollte ich mich nicht in die Hauptstadt wagen, die am Tag zuvor von einem versuchten Staatsstreich und Feuergefechten zwischen Polizei und Militär heimgesucht worden war. Infolgedessen blieb ich in Otavalo, wo wir den Geburtstag einer anderen Freiwilligen feierten und einen mindestens genauso langen wie netten Abend verbrachten. Am Samstag fuhr ich nach Pucará zurück, wo die nächste Feier anstand: Peter verabschiedete seinen britischen Freund Stuart, der Ecuador nach achteinhalb Jahren verlassen und mit seiner Freundin nach Spanien ziehen wird – wohin, das wissen die beiden noch nicht. Wozu auch? Als sie vor achteinhalb Jahren als Backpacker nach Ecuador kamen, wussten sie auch weder dass noch wo sie so lange hier leben und arbeiten würden! Die Feier bei Peter war sehr nett, und für mich war es ein fast neues Gefühl, in Pucará zu sein und trotzdem gute und lange und abwechslungsreiche Gespräche zu führen. Am Sonntag fuhren die Bekannten Peters wieder nach Cayambe und Quito zurück – und uns bot sich ein wunderschöner Sonnenuntergang: Es war das erste Mal seit meiner Ankunft in Pucará nicht schon vor dem Sonneuntergang bewölkt, nur unterhalb des Gipfels des Cotacachi waren schon einige Nebelschwaden aufgestiegen. Doch die machten den Anblick noch spektakulärer: Die Hügel und Täler um Pucará waren schon in den Schatten der beginnenden Nacht getaucht, als im Westen der Himmel und im Osten der schneebedeckte Cotacachi über den Nebelschwaden golden leuchteten! (Dass ich meine Kamera ausnahmsweise nicht einstecken hatte, ist nur halb so wild: So schön wie der Sonnenuntergang tatsächlich war, hätte er auf einem Foto nicht aussehen können...) Auf dem Rückweg von Peters Finca, es war inzwischen dunkel, stellte sich das eingangs erwähnte Gefühl ein.

Am Sonntag schlief ich dann erstmals in meiner neuen Gastfamilie: Ich lebe jetzt bei Doña Teresa und ihrem Mann, Don Segundo. Sie ist fünfundsechzig Jahre alt, er siebzig. Die beiden leben vielleicht zweihundert Meter von meiner alten Gastfamilie entfernt: Pucará ist nicht groß. Von ihren fünf Töchtern lebt nur noch eine in Pucará: Esperanza, mit ihren drei Töchtern und zwei Söhnen, aber ohne die dazugehörigen fünf Väter. Die sieben Söhne von Teresa und Segundo leben alle außerhalb. Doch dass ich mit den beiden Herrschaften alleine bin, kommt fast nicht vor: Die meiste Zeit sind Shisela, Fernanda und Andrés im Haus, die drei jüngeren Kinder von Esperanza. Die drei sind auch für mich eine gute Unterhaltung. Shisela ist neun Jahre alt und geht in die fünfte Klasse der Grundschule in Pucará. Sie ist sehr aufgeweckt und quasi rund um die Uhr daran interessiert, dass ich ihr eine Geschichte vorlese. Fernanda, vier Jahre alt, und Andrés, der jüngste, hängen meistens an Shiselas Fersen und trauen sich nicht so recht, mit mir zu sprechen. (Und dass Fernanda von Doña Teresa immer gesagt bekommt, was sie mir antworten oder erzählen soll, finde ich etwas nervig: Da ziehe ich Schüchternheit dem Nachplappern vor...)

Witzig ist irgendwie, dass ich jetzt zwar problemlos in der Küche stehen kann, mich dafür sowohl im Bad als auch in meinem Zimmer, einem Bretterverschlag hinter dem Haupthaus, nur gebückt fortbewege. Ansonsten hat mein neues Zuhause viele Ähnlichkeiten mit dem vorherigen: Es gibt wieder mehrere Gebäude, von denen jedes ein Aufgabenfeld aufnimmt – die Hütte mit Küche und Esszimmer, das Haupthaus mit Schlafzimmer (und, wichtig, Fernseher) und meinem Verschlag im Anhang, und das Bad, eher eine Latrine mit Dusche. Dazwischen liegt ein kleiner Hof, eine staubige Fläche, über der die Wäscheleinen nächtliche Spaziergänge ziemlich gefährlich werden lassen.

Aus der Welt der Arbeit gibt es auch kleine Neuigkeiten. Gegen Ende des Monats wird eine Gruppe aus den Vereinigten Staaten nach Pucará kommen; ihre Aufgabe: Wiederaufforstung. Drei Tage werden sie in Familien in Pucará untergebracht sein, bevor sie, von Peter und mir begleitet, die Íntag-Region besser kennenlernen werden. Im Anschluss wird es einen kleinen Kurs für die Lehrerinnen der Spanischschule geben: Polly, eine Bekannte von Peter, mit der ich bei Stuarts Abschiedsfeier ins Gespräch kam, wird ihnen das Lehren lehren – eine für Lehrerinnen nicht ganz unwichtige Fähigkeit!

Ansonsten bin ich gespannt, auf welche Tiere ich in den nächsten Tagen stoßen werde: Am Sonntag ringelte vor mir eine Schlange über den Weg. Meine Recherche hat ergeben, dass es eine Korallenotter gewesen sein müsste – schwarz mit roten und gelben Streifen (oder Ringeln?) und etwas mehr als einen Meter lang. Am Montag folgte der nächste Exot, den ich allerdings nicht benennen kann: Ein braunes Tier, das sehr nach Katze aussah, jedoch größer war und einen ziemlich langen Schwanz hatte. Man hat mir den Namen zwar verraten, ich konnte jedoch keine Übersetzung finden. Tierfreunde und -kenner: Ich würde mich über eure Hilfe freuen!

Euch allen wünsche ich einen schönen Herbst – die Angaben zu dessen Beginn sind irgendwie widersprüchlich: Mal heißt es, dass er bereits Einzug erhalten habe, mal hören sich die Berichte noch sehr nach Sommer an. Hier regnet es immer öfter, aber stets erst am Nachmittag. Dennoch gab es am Dienstag erstmals kein Wasser aus der Leitung in Pucará – was in Apuela schon seit Wochen stattfindet, scheint nun auch hier zu beginnen. Warum das ausgerechnet jetzt, da es regnet, losgeht, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Doch das Periódico ÍNTAG wird im November darüber berichten...

jueves, 30 de septiembre de 2010

Golpe de estado

IM ABGESCHIEDENEN ÍNTAG bekomme ich nicht immer gleich alles mit. Wenn ich im Internetcafé bin, verfolge ich zwar die Nachrichten auf diversen deutschen Nachrichtenportalen – das lateinamerikanische Tagesgeschehen im Allgemeinen und das ecuadorianische im Besonderen bekomme ich da aber nur am Rande mit: Man sollte meinen, dass ich, da ich ja hier bin, erfahren sollte, was sich so tut! Weit gefehlt: Als man mir heute erzählte, dass sich das Land im Ausnahmezustand befände, war ich doch sehr überrascht!

Die Fahrt nach Quito wird erstmal verschoben. Schade! Die Ausstellung, die ich mir ansehen wollte (danke, Herr Herbstreuth, für Ihren Tip!), ist dann gelaufen. Aber irgendwie lohnt es sich nicht, alle Warnungen zu ignorieren, um mir das anzusehen: Die Policía Nacional streikt und kann demnach nicht für die Sicherheit im Land sorgen. Präsident Correa hat angekündigt, die Boni für Polizisten zu kürzen, womit sich die Staatsdiener nicht abfinden wollen. Sie haben also kurzerhand den Flughafen in Quito besetzt und den Präsidenten und dessen Frau nach Medienberichten attackiert, woraufhin die Regierung den Ausnahmezustand verhängt hat. Peru hat die Grenze zu Ecuador zugemacht und noch ist nicht abzusehen, wohin das Spektakel führt...

Ich bin im Augenblick in Otavalo, wo es ruhig ist. Und in Íntag wird eh nichts passieren: Dort wird weiterhin alles seinen gewohnten Lauf nehmen. Also: Bei mir ist alles gut, macht euch keine Sorgen! Schaut euch stattdessen die Bilder an, die ich hochgeladen habe.

miércoles, 29 de septiembre de 2010

Chang: otro amigo mío, Sebi aka BoboPK, solía seguir el blog que tenía en Nicaragua, y quisiera saber si está leyendo de nuevo...

DER ERSTE MONAT in Pucará ist vorbei, und somit steht auch schon der Wechsel zu meiner zweiten Gastfamilie vor der Tür! Am Samstag werde ich umziehen und dann bis Anfang November bei Doña Teresa wohnen, etwa hundertfünfzig Meter von meiner aktuellen Gastfamilie entfernt. Schade, irgendwie, dass ich, solange ich hier bin, monatlich umziehen muss: Zumindest bei Doña Emperatriz habe ich mich sehr wohlgefühlt – und kam mir willkommener vor, als dies jemals bei meiner nicaraguanischen Gastfamilie, mit der ich ein eher schwieriges Verhältnis pflegte, der Fall war. Aber es hilft ja nichts: Was muss, das muss – und so werde ich mich diesem durchaus ertragbaren Schicksal beugen. Und umziehen!

Während der Alltag in Pucará seinen Lauf nimmt, ist noch nicht ganz sicher, mit welchen Aufgaben ich mich im weiteren Verlauf der kommenden Wochen und Monate beschäftigen werde. Auf jeden Fall werde ich weiterhin zweimal wöchentlich mit den Kindern aus Pucará arbeiten. Zusätzlich übersetze ich zumindest momentan Artikel aus der hiesigen Zeitung, dem Periódico ÍNTAG, damit man auch in Deutschland von den Ereignissen rund um Umweltschutz und Minenunternehmen erfahren kann, ohne der spanische Sprache mächtig sein zu müssen. Weitere Ideen für mehr als genug Arbeit existieren – ob ich sie tatsächlich umsetzen kann, steht allerdings noch in den Sternen, weshalb ich zu diesem Zeitpunkt noch nichts verraten möchte...

Nachdem mir in letzter Zeit immer wieder zu Ohren gekommen war, dass mal diese, mal jene Person aus Pucará krank geworden war, schien es sich am Dienstag um etwas Ernsthaftes zu handeln: Doña Teresa, die ab Samstag meine Gastmutter sein wird, lief schnellen Schrittes zu Don Fausto, der allerdings in diesem Moment nicht in Pucará war, um ihn zu bitten, ihre Enkelin Tanya, die in der Spanischschule arbeitet, schnellstmöglich ins Krankenhaus zu fahren – es ginge ihr sehr schlecht, und im Krankenhaus von Apuela könne man sie nicht behandeln. Auch die Tränen von Doña Teresa halfen nichts: Don Fausto, der eins der beiden Autos von Pucará besitzt, war nunmal außerhalb Pucarás unterwegs. Beeindruckend, mit welcher Gelassenheit die anderen Anwesend ihre Vermutungen anstellten: »Das wird bestimmt der Blinddarm sein!« Warum nicht den Krankenwagen rufen? Der Stand auf halber Strecke zwischen Pucará und Apuela – mit nur drei Rädern. Und das seit Montag... Im Endeffekt ging alles gut, Tanya wurde in Cotacachi operiert – es war tatsächlich der Blinddarm! – und auch der Krankenwagen steht nicht mehr in der Wildnis.

Vorhin habe ich ein wenig recherchiert, um etwas mehr über die hier aktiven Nichtregierungsorganisationen zu erfahren und stieß dabei auf zwei interessante Homepages: Das Energieunternehmen Lichtblick engagiert sich offensichtlich auch in Ecuador für den Umweltschutz und für erneuerbare Unternehmen und scheint regelmäßig auch aus Íntag zu berichten: Hier geht es zum entsprechenden Bericht – inklusive Foto von Doña Empera und mir! Zudem gibt es einen Bericht in englischer Sprache über die Asamble Nacional Ambiental, die Nationale Umweltschutzversammlung, und die aktuellen Entwicklungen in Ecuador, was das Thema Umweltschutz betrifft, auf der Seite der DECOIN.

Am Donnerstag werde ich nach Otavalo fahren, um am Freitag nach Quito zu reisen: Eine Kunstausstellung wartet dort, und ich werde mich mit Julika, die ich seit Jahren kenne und die auch gerade mit weltwärts in Ecuador ist, treffen! Ich habe dabei ein etwas ungutes Gefühl, weil ich seit langem nichts Gutes mehr über Quito gehört habe: Es scheinen alle, die sich dorthin wagen, überfallen zu werden. Hoffen wir, dass ich auch dieses Mal wieder gut aus der Hauptstadt komme! Es wäre ja nicht das erste Mal, dass ich den Moloch unbeschadet und zufrieden verlasse...

domingo, 26 de septiembre de 2010

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DAS PARADIES IST eigentlich gar nicht schwer zu erreichen: Mit dem ersten und dem letzten Bus des Transportunternehmens »Otavalo« fährt man von Apuela weiter in südwestlicher Richtung, »adentro«: hinein, wie man diese Richtung hier beschreibt, über García Moreno und gelangt schließlich nach Magdalena Bajo. Dort muss man ein bisschen Glück haben, dass gerade eine camioneta bereitsteht, deren Fahrer die wenigen Kilometer über die noch weniger gute »Straße« zurückzulegen bereit ist. Nach einer Fahrzeit von insgesamt rund zweieinhalb Stunden kommt man dann an: In El Paraíso!

Schon oft habe ich mich gewundert, warum Jesus und alle, die mit ihm Kontakt gekommen sind, auf sämtlichen Darstellungen weiß sind. In Tansania habe ich mich darüber schon fast geärgert: Dass die Kirche ihre Protagonisten immer nach europäischem Vorbild gestaltet! Hier – endlich, endlich – fühle ich mich zwar nicht bestätigt, weil ich keine Vorstellung hatte, die man mir hätte bestätigen können, aber irgendwie empfinde ich dennoch eine Genugtuung: Die Menschen, die im Paradies leben, sind fast ausschließlich schwarz!

Lange war ich nicht im Paradies: Von Freitagmittag bis Samstagmorgen habe ich dort mit Nora zusammen eine Rast eingelegt, um mit Carmen, die dort lebt und in Pucará in der Spanischschule arbeitet, über mögliche Arbeiten und Aufgaben in der und für die Spanischschule zu sprechen. Dennoch hatte ich genug Zeit, ein paar Dinge zu bemerken: Auf dem Weg von Apuela nach El Paraíso änderte sich die Zusammensetzung der Fahrgäste. Es stiegen nicht nur immer mehr Menschen aus, sodass wir am Ende noch zu fünft im Bus saßen – die Menschen, die mit uns im Bus saßen, waren, je weiter wir Apuela zurückließen, immer seltener indianischen oder spanischen Ursprungs, haben ihre Wurzeln offensichtlich auf dem Afrikanischen Kontinent. Die Häuser am Straßen-, besser: Wegrand unterschieden sich immer mehr von denen in Pucará, Apuela, Otavalo: In dem Maße, in dem Beton und Stein als Materialien abnahmen, waren immer mehr Holzhäuser zu sehen. Und zum Teil hatten die diese Bezeichnung: Haus, durchaus verdient! Nicht selten waren sie zweigeschossig, und teilweise waren die Fassaden aus filigran zurechtgeschnitzten Holzstückchen zusammengesetzt! Klar: Je weiter die Städte entfernt liegen, desto teurer wird der Transport der Baumaterialien, sodass die Entscheidung für in der Umgebung auffindbare Baustoffe irgendwann erforderlich wird!

Ich habe mich jedenfalls sehr an den Nicaragua-Karibikurlaub erinnert gefühlt: Die Bauweise in El Rama, Bluefields und auf den Corn Islands war sehr ähnlich, und auch dort bestand die Bevölkerung hauptsächlich aus dunkelhäutigen – ich weiß nicht, was momentan politisch korrekt ist; und es ist mir egal – Nicaraguanerinnen und Nicaraguanern – das Gendering kann ja trotzdem. Nur ein nicht ganz unwichtiges Detail unterschied sich sehr vom nicaraguanischen oriente: Wir befanden uns nach wie vor in den Bergen!

Carmen hat mit ihrem Gatten Patricio eine kleine Pension in El Paraíso. Außerdem stellen sie Schmuck und Schlüsselanhänger aus Perlen her, die sie aus bestimmten Samen schnitzen, schleifen, bemalen. Warum sie ausgerechnet in El Paraíso, was wirklich ab vom Schuss liegt, eine Pension unterhalten, wurde mir nicht ganz klar. Dass dieses Unternehmen nicht so gut laufen kann, schloss ich nicht nur aus dessen Lage, sondern auch daran, dass vor allem Carmen in ungefähr jedem zweiten Satz den Wunsch äußerte, dass wir unbedingt wieder zu Besuch kommen sollten, um uns die »Attraktionen« in und um El Paraíso anzusehen! Und am besten solle ich doch auch als Freiwilliger dort arbeiten, und nicht nur in Pucará. Es beschlich mich im Laufe unseres Besuchs immer mehr das Gefühl, dass es Carmen nicht darum ging, mit mir über die Spanischschule zu sprechen, sondern mich von dieser abzuwerben. Unangenehm!

Angenehmer war das Abendprogramm: Weil eine französische Reisegruppe in El Paraíso war, wurde eine ortsansässige Band organisiert, die uns mit ihren musikalischen Fähigkeiten unterhielt. Wir saßen also gemütlich in einer Runde, ein Kanister mit selbstgebranntem Destillat machte die Runde und die Herren gaben ziemlich schnulzige Lieder zum Besten. Danach unterhielten Nora und ich uns noch ein Weilchen mit der Dorfjugend und wurden mit Bier vom Nachbarn der Pension, der auch Simon heißt und in diesem wirklich nicht barrierefreien Dorf (Schlaglöcher, und der Weg dorthin ist ein Thema für sich) trotz seiner Blindheit gut zurechtzukommen scheint...

Am Samstagmorgen fuhren Nora und ich mit Patricio und einem anderen jungen Mann aus El Paraíso nach Junin. Weil es billiger war und schneller gehen sollte, nahmen wir beide auf jeweils einem Motorradrücksitz Platz. Ohne Helm: Wir sind ja in Südamerika! (Nein, wir haben keine Sekunde daran gedacht, dass in diesem Jahr eine andere YAP-Freiwillige in Nicaragua fast an den Folgen eines Motorradunfalls gestorben war, weil sie keinen Helm getragen hatte.) Allerdings: Besonders schnell waren wir nicht unterwegs. Das ließen diverse Steigungen, Schlaglöcher und Fahrbahnbeläge nicht zu! Dreißig Kilometer und etwas mehr als eine Stunde später kamen wir dann in Junin an. Einerseits wollten wir dorthin, weil die achte »Asamblea de Mujeres de Íntag«, also die achte Versammlung der Frauen aus Íntag, dort stattfinden würde. Andererseits hat Junin eine spannende Vergangenheit: Vor einigen Jahren ließ sich dort ein Minenunternehmen nieder. Oder, richtiger: wollte sich dort niederlassen. Man hatte es auf die Kupfervorkommen bei Junin abgesehen. Nach erfolgreichen Probebohrungen und -sprengungen hätte die Kupferförderung dann eigentlich losgehen können. Eigentlich: Wenn sich die Einwohnerinnen und Einwohner nicht so hartnäckig und effektiv gewehrt hätten...

Nachdem man den Versprechen des Unternehmens anfänglich Glauben geschenkt und dem Minenbetrieb somit Tür und Tor so gut wie geöffnet hatte, bemerkte man bald, dass irgendetwas aus dem Ruder gelaufen war: Die Arbeiten hatten gerade erst begonnen, da starben die ersten Tiere, weil sie aus dem Bach getrunken hatten, von dem das Dorf lebte. Kindern, die in dem Rinnsal gebadet hatten, wurden krank, bekamen schlimme Ausschläge. Den Menschen aus Junin fiel es wie Schuppen von den Augen: Sie würden sehr bald an einen anderen Ort ziehen müssen, weg von dem verseuchten Wasser, weg von dem verseuchten Boden, der es ihnen nicht mehr erlauben würde, Felder zu bestellen und Gemüsegärten zu pflegen. Sie taten, was getan werden musste, um sich diesem Schicksal nicht ergeben zu müssen: Sie griffen zu allen erdenklichen Mitteln und schafften es nach zahlreichen Auseinandersetzungen, das Minenunternehmen tatsächlich aus Junin zu vertreiben. Wasser und Erdreich scheinen nicht nachhaltig verunreinigt worden zu sein, das behauptet man jedenfalls – der Alltag hat in Junin wieder Einzug erhalten!

Minenunternehmen wollen jetzt mit dem Kupferabbau unweit von El Paraíso beginnen; derzeit laufen die letzten Untersuchungen. Widerstand regt sich dort kaum – zu groß ist derzeit noch die Verlockung, täglich mehr als zwanzig Dollar für vergleichbar einfache Arbeit zu verdienen! Dass das kurzsichtig gedacht ist, ist offensichtlich: Obwohl dreiundzwanzig Dollar Tagelohn für hiesige Verhältnisse wirklich gut zu sein scheinen, helfen sie nicht sonderlich viel, wenn man davon zunächst neues Land kaufen muss, weil das alte verseucht ist. Wenn man irgendwann alle Lebensmittel von außerhalb kaufen muss. Wenn man zwar ein Dach über dem Kopf hat, aber keine Möglichkeit, an sauberes Wasser zum Baden und Waschen zu kommen. Wenn man die Kosten für Ärzte und Medikamente aufbringen muss...

(Patricio hat erzählt, dass das Minenunternehmen ihm, als er der »Präsident« von El Paraíso war, stolze sechshundert Dollar pro Monat versprochen hatte: Damit er sich nicht gegen den Kupferabbau äußere oder über die Risiken und Nebenwirkungen berichte.)

Zurück zu Junin: Heute gibt es dort Betten für Touristen, die kommen, um von den Kämpfen und Siegen der Vergangenheit zu erfahren und die (wieder) unberührte Natur zu erkunden. Etwas erschrocken war ich aber, nachdem ich von der Direktorin der ganzen Angelegenheit erfahren hatte, dass eine Übernachtung in Junin stolze dreißig Dollar kostet! Freiwillige, die in Junin Englisch- und Computerkenntnisse vermitteln sollen, zahlen stolze fünfzehn bis zwanzig Dollar. Täglich – ich bin noch kein Freund des turismo comunitario, für den ich mich in Pucará ja eigentlich stark machen soll!

Die asamblea der Frauen war nicht sonderlich spektakulär: Eine interessante Rede über und gegen den Machismus von einer Frau, die nicht nur gebildet und entschlossen wirkte, sondern durch viele Fragen an ihre Zuhörerinnen versuchte, diese aus ihrem Trott zu reißen, war der Anfang der sonst ziemlich zähen – Basisdemokratie... – Veranstaltung. Die Rednerin appellierte an die Zuhörerschaft, die bestimmt zu einem Drittel aus Männern bestand, dass diese die Arbeit der Frauen – die ungelogen so beschrieben wurde: kochen, waschen, putzen, Klatsch und Tratsch in der Dorfgemeinschaft, Erziehung der Kinder, Ehefrau – anerkennen und der Tatsache, dass ohne diese Arbeit kein Ehemann, keine Familie überleben könne, ins Auge blicken solle.

Die Rückfahrt nach Apuela war dann noch ein kleines Abenteuer. Wir fuhren mit der ranchera, einem Laster, der einen Bretterverschlag mit Sitzbänken geladen hat, in dem wiederum viele Passagiere Platz finden. Dieses Gefährt war erst langsam unterwegs, dann gar nicht mehr: Der Keilriemen riss. Nach einer Weile konnte er jedoch ersetzt werden – mit durch einen Nylonstrumpf. So kamen wir immerhin in die nächste Ortschaft, in der wir dann nochmal ein Stündchen warten musste, bis ein neuer Keilriemen aus Apuela gebracht wurde. Dort kamen wir dann schließlich noch an – wer hätte das gedacht?